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Im Interview: Mahmoud Hassino

Mahmoud Hassino ist syrischer Flüchtling in Berlin und Organisator der ersten Wahl „Mr. Gay Syria 2016“.  Hier im Interview für BOX erzählt er vom langen Weg als schwuler Kriegsflüchtling über die Türkei bis zur Teilnahme in Malta bei der Mr. Gay World.

Tyrone Paul Rontganger sprach für das BOX Magazin mit Mahmoud in Berlin:

BOX: Hi Mahmoud. Wie ist es, in Syrien schwul zu sein?

Mahmoud: Hi Tyrone. Nun, meine Version ist einfach! Ich hatte nie Probleme mit meinem Schwulsein. Meine Familie, meine Freunde, die Leute in meiner Nähe wussten alle schon damals, dass ich schwul bin und es war für sie in Ordnung.  Ich hatte mehr oder weniger nur Schwierigkeiten mit der Regierung, aber es war alles nicht wirklich schlimm. Homosexualität ist in Syrien illegal und mit bis zu drei Jahren Gefängnis strafbar. Dazu noch hat der Krieg die Menschen verändert. Ich höre und sehe in letzter Zeit ganz furchtbare homophobe Dinge – womit ich früher doch nie gerechnet hatte. Leider führen Kriege dazu, dass immer die Schwächeren in der Gesellschaft am Meisten leiden und wir erleben dort schon sechs Jahre blutigen Krieg.

BOX: Bist du nach Deutschland vor dem Krieg geflüchtet?  

Mahmoud: Ich war noch in der Türkei, als ich feststellte, dass mein syrischer Reisepass fast abgelaufen war. Wegen meiner politischen Ansichten hatte ich Angst, dass er nicht mehr verlängert wird. Ich wurde dann nach Deutschland eingeladen, bekam ein Visum und bin hier mit dem Flugzeug angekommen. Kurz vor meiner Flucht starb meine Mutter und dann hatte ich keinen Anreiz mehr, zurückzukehren. Ich bin mit einem Touristenvisum nach Deutschland gekommen und nachdem es abgelaufen war, reichte ich meinen Asylantrag ein, der schon nach zwei Monaten angenommen wurde. Es ging alles sehr schnell, aber es war noch vor dem großen Flüchtlingszustrom im Spätsommer. Die Situation war damals ein wenig anders.

BOX: Wenn du Berichte hörst und liest von brennenden Flüchtlingsheimen hier in Deutschland, wie fühlst du dich?

Mahmoud: Es erschreckt mich! Ich hatte geglaubt, dass hier die Menschen besser wissen, dass sie aus der Geschichte schon gelernt hatten, wozu das alles führen kann. Aber Menschen sind Menschen und wir nehmen öfters den schwierigeren Weg, statt den Einfachsten! In Syrien ist es mit dem Krieg genauso. Sie haben aus der Geschichte des Libanons offenbar gar nichts gelernt.

BOX: Wie bist du auf die Idee gekommen, die allererste Wahl ‚Mr. Gay Syria‘ zu organisieren?

Mahmoud: 2012 erfuhr ich zum ersten Mal von der Mr. Gay World-Wahl und wollte schon damals gleich etwas dafür machen. Ich finde es toll, Leute zu schockieren! Damals arbeitete ich viel als Journalist und mir war meine Karriere noch wichtiger als eine Mister-Wahl ins Leben zu rufen, aber trotzdem kratzte mich die Idee noch weiter. In den Jahren 2013 und 2014 war es aus Visum-Gründen nicht möglich, 2015 fing ich in Berlin neu an. Somit konnte ich es erst 2016 hinkriegen. Es war eine richtige Mister-Wahl mit Bühne, Publikum und Jury. Durch den rapiden Zuwachs in der Anzahl von Flüchtlingen in die Türkei passte es dann zeitlich auch, den Schwulen in Syrien ein Gesicht zu geben.

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BOX: Warum wolltest du die Wahl organisieren, statt selber den Titel zu tragen?

Mahmoud: Ein Mister-Titel ist für manche Typen gut, denn es gibt ihnen eine Plattform, wo sie sich öffentlich ausdrücken können. Ich brauche aber selber diese Plattform nicht, um meine Meinungen zu verbreiten  – als Journalist und Blogger habe ich schon welche. Ich bin auch kein Typ für eine Wahl oder einen Titel; ich bin selber kein öffentlicher Vertreter, also kein Mister. Einen Titel brauche ich nicht und will ich nicht haben. Ich wollte daher jemand Anderem die Gelegenheit geben, für die LGBTQ-Community in Syrien etwas zu tun.

BOX: Was zu tun, zum Beispiel?

Mahmoud: Diese erste Wahl hatte zwei Ziele: Als Erstes wollten wir uns für die sichere Umsiedlung von LGBT-Flüchtlingen in der Türkei engagieren. Der komische EU-Deal mit der Türkei sieht vor, 74.000 Flüchtlinge umzusiedeln – dadurch werden ganz viele schutzlose Schwule und Lesben der Willkür der türkischen Regierung und ihrer staatlichen Homophobie ausgesetzt. Das dürfen wir nicht zulassen! Die türkische Regierung wird sie einfach leiden lassen. Natürlich gibt es außerdem LGBT-Flüchtlinge, die aus verschiedenen Gründen in der Türkei durchaus bleiben wollen, aber sie brauchen dort Unterstützung. Wir wollen u.a. über sexuelle Gesundheit informieren und ihnen verschiedene Infos anbieten. Der Mr. Gay Syria und sein Vize sind die Gesichter dieser beiden Kampagnen und geben daher etwas Persönliches.

BOX: Wirst du die Wahl wieder nächstes Jahr machen?

Mahmoud: Die syrischen Flüchtlinge in der Türkei wollen unbedingt wieder eine Wahl haben! Es war ein fabelhafter Event. Wir bekamen eine Menge Unterstützung und hatten einen tollen Abend. Obwohl ich leider nur zwei Tage Zeit für die ganze Planung hatte, hat es mir und dem Publikum unheimlich viel Spaß gemacht. Ich will aber mehr Zeit meiner journalistischen Arbeit widmen und Artikeln über homosexuelle Themen auf Arabisch veröffentlichen. Das ist wirklich sehr wichtig. Viele Journalisten aus der Region sind zurzeit selber auf der Flucht oder sitzen im Gefängnis und haben weder Zeit noch Energie, weiter zu schreiben. Natürlich wollen die Menschen wieder eine Wahl erleben, aber ich habe es mir noch nicht für 2017 vorgenommen. Eine Wahl zu organisieren, nimmt so viel Zeit in Anspruch, die ich für andere Projekte brauche, aber wenn sie mich nett darum bitten, werde ich es wahrscheinlich doch wieder übernehmen!

BOX: Hast du keine Angst, dass dich religiöse Extremisten zum Ziel machen?

„Deswegen bin ich aus Syrien geflüchtet, weil ich nicht sterben wollte!“

Mahmoud: Das war ich für sie schon! Das ist normal, wenn man den Mund aufmacht und kritische Dinge sagt! Auch als Journalist in Syrien muss man täglich mit Hass und Gewalt rechnen, aber wir machen Schulungen und lernen, wie man damit umgehen soll und auch wie man sich irgendwie schützen kann. Ich habe keine Angst vorm Sterben, aber natürlich will ich es auch noch nicht. Deswegen bin ich aus Syrien geflüchtet, weil ich nicht sterben wollte! Ich bin echt kein Märtyrertyp, der das Leben für überhaupt irgendwas opfern will. Sollte mir aber irgendwas zustoßen, nur weil ich hier meine Meinung öffentlich ausdrücke, dann ist es mir aber egal.

BOX: Hast du schon die Schwulenszene in Berlin entdeckt?

Mahmoud: Ich bin eigentlich kein Szenentyp und verbringe meine Nächte lieber zuhause! Ich liebe meine Ruhe und genieße die Stille. Kuschelabende mit meinem Freund und einem Glas Wein finde ich ganz toll. Manchmal gehe ich weg, klar, aber dann begegne ich oft anderen Flüchtlingen, die mir ihre Probleme erzählen wollen. An der Bar oder auf der Tanzfläche! Das ist mir zurzeit noch ein Bisschen zu viel.

BOX: Hast du auch Fetischerfahrung?

Mahmoud: Ich war noch nie in einer Lederbar, aber natürlich habe ich auch meine eigenen kleinen Fetische. Ich mag weiches, einfaches Leder, kenne mich in der Lederszene aber überhaupt nicht aus.

BOX: Hast du übrigens vom Fetisch-Flashmob zu Ostern gehört, wo ca. 40 geile Fetischkerle am Brandenburger Tor für LGBTQ-Flüchtlinge getanzt haben?

Mahmoud: Ja, das habe ich!

BOX: Schön, danke für das Interview. Ich hoffe, wir bleiben in Kontakt.

Mahmoud: Ja, danke.

Facts:

Name: Mahmoud Hassino
Alter: 41
Beruf: Journalist
Hobbys: Schreiben und Lesen
Sternzeichen: Stier