Queer ist das neue Schwul

Mit Hilfe von Geschichte Konfliktlinien innerhalb der LSBTIQ-Community verstehen. 

Als Historiker, der sich mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt beschäftigt, bin ich verhältnismäßig häufig in der Situation mit älteren Personen aus der Community zu sprechen. Ich mache das sehr gerne und bin oft fasziniert von ihren Lebenswegen. Lesbische Aktivistinnen, die in der autonomen Frauenbewegung aktiv waren und sich gegen Formen von Diskriminierungen wehrten, die sich jüngere Generationen oftmals kaum noch vorstellen können. Oder schwule Männer, die mutig gegen die massive gesellschaftliche Ausgrenzung vorgegangen sind, die sie insbesondere im Zuge der Aids-Krise ab Mitte der 1980er Jahre, erfahren haben. Ich höre ihnen gespannt zu und habe im Gegenzug das Gefühl, dass mir interessiert zugehört wird. Oft habe ich so die Erfahrung gemacht, dass gewisse Vorurteile ausgeräumt werden können und Verständnis über den persönlichen Kontakt und Erfahrungsaustausch füreinander aufgebaut wird. Und je mehr ich über unsere Geschichte lerne, desto eher verstehe ich bestehende Konflikte innerhalb der Community besser – vor allem, da sie sich ständig zu widerholen scheinen. Als Beispiel möchte ich einen Blick in die Begriffsgeschichte werfen.

Queer vs. Schwul/bi/lesbisch

Ich und viele Personen in meinem Alter (Mitte 30 und jünger) fühlen sich mit der Bezeichnung queer sehr wohl. Während schwul und lesbisch für mich Begriffe sind, die sexuelle Identität beschreiben, bedeutet queer gerade die Abkehr einer binären Einteilung von Menschen, vor allem in der Hinsicht Sexualität und Geschlecht (aber eben nicht nur). Ältere LSBTI kennen queer noch als eine negative Fremdbezeichnung (insbesonders im angelsächsichen Bereich), für sie hat er oft nichts empowerndes. Zudem, so die Kritik, würde gerade eben dieses nicht festlegen wollen, konkrete politische Arbeit erschweren. Fehlende politische Ziele und eine Überanpassung an die hetero-und cis*normative Gesellschaft hingegen lautet der Gegenvorwurf von queerer Seite.

Während sich vor allem politisch progressive schwule Männer und Frauen (heute: Lesben – noch so eine Begriffswandlung) ab den 1970er Jahren selbstbewusst als homosexuell und vor allem schwul bezeichneten, lehnten viele ältere, homophil Begehrende diesen Begriff kategorisch ab, wurde er doch von der Gesellschaft abwertend gegen sie benutzt. Den Homophilen bzw. der zweiten Homosexuellen-Bewegung (Aktivist*innen, die nach 1945 aktiv waren) wurde von den Schwulen und Lesben der sogenannten autonomen bzw. dritten Homosexuellen-Bewegung (aktiv ab Anfang der 1970er Jahre) gerne vorgeworfen, nicht radikal und nicht politisch genug zu sein, zu angepasst an die gesellschaftlichen Bedingungen zu agieren und sich nicht offen zu ihrem schwul sein zu bekennen. Sich offen als Homosexuelle*r zu zeigen war ein großer Teil ihres politischen Aktivismus. Oft wurde die durchaus auch politische und – durch den §175 auch gefährliche Arbeit ihrer Vorgänger*innen nicht einmal gesehen, geschweigen denn gewürdigt. Ein Blick in die Bewegungsgeschichte zeigt also, dass sich jede Generation selbst oft für die politischste und emanzipatorischste von allen hält…

Aber ganz im Ernst: Zu sehen, dass gewisse Konfliktlinien sich im Laufe der Zeit wiederholen, hilft vielleicht miteinander empathischer und, egal wie hitzig die Diskussionen manchmal werden sollten, wohlwollender miteinander umzugehen.

Transsexualität vs. Trans*

Ein weiterer Begriff, der ist seiner Historie besser greifbar wird, ist Transsexualität. Während sich viele, vor allem ältere trans* Personen, mit diesen Begriffen beschrieben fühlen, kann ich mich als nicht binäre trans Person (also jemand, der binär-geschlechtliche Zuschreibungen für sich ablehnt) damit nicht nur nicht identifizieren, ich nahm ihn lange Zeit als beleidigend war. Er ist aus einer Pathologisierung heraus entstanden, die offiziell erst 2018 endete (mit der neuen Version der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten 11 (ICD-11)), gesellschaftlich und politisch jedoch weiter anhält. Aber auch hier hilft ein Blick in die Geschichte: Ab den 1960er-Jahren tauchte – aus den USA kommend – der Begriff »Transsexualität« das erste Mal auf. Geprägt wurde er vom medizinischen Lehrbuch The Transsexual Phenomenon (1966) des Sexualwissenschaftlers und Arztes Harry Benjamin (1885 – 1986) und fand in der Community schnell Verwendung als Fremd- und Selbstbezeichnung. Benjamin teilte trans* Menschen in Gruppen ein – von gegengeschlechtliche Kleidung tragenden Transvestiten bis hin zu Transsexuellen mit dem Wunsch nach geschlechtsangleichenden Maßnahmen. Bereits in den 1920er Jahren prägte Magnus Hirschfeld den Begriff Transvestitismus und ermöglichte so erstmals eine Trennung von homosexuellem Begehren und Transidentität. Damit „löste“ er erstmalig sexuelle und geschlechtlicher Identität voneinander ab. Für Transsexuelle bedeutete die psychiatrische Pathologisierung (und damit offizielle Anerkennung) auch eine Möglichkeit, Zugriff zu medizinischer Versorgung zu bekommen. Und das 1981 in Kraft getretene und in hohem Maße diskriminierende Transsexuellen-Gesetzt, versetzte der Trans(sexuellen)-Bewegung einen großen Emanzipationsschub, was sich u.a. in der wachsenden Zahl an Community-Zeitschriften und Gruppengründungen ab Anfang der 1980er aufzeige lässt. Dieses Wissen hilft mir dem Begriff mittlerweile neutral zu begegnen und jede Person darin zu unterstützen, die ihn für sich verwenden mag.

Community lebt immer auch von Aushandlungen und Konflikten. Mit all den Angriffen, die in letzer Zeit von außen auf uns einprasselten, ist es für uns als schwul, lesbische und queere Menschen jedoch so wichtig wie lange nicht mehr, uns auf unsere Gemeinsamkeiten zu berufen und füreinander einzustehen.

Für die Zukunft der Box wünsche ich mir, dass sie dafür ein Medium liefern wird!

(*cis = Gegenstück zu trans. Menschen, die sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, auch identifizieren. Also nicht trans sind.)

 

Von Alex Mounji