Vorurteile & Fetischismus

Thorsten, Mr. Leather Europe 2015 schreibt über die Szene

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In unserer Kolumne schreibt Thorsten, Mr. Leather Europe 2015, über Erfahrungen und Begebenheiten, die ihn während seines Titeljahres beschäftigen. Er ist sehr viel in der Öffentlichkeit in Leder unterwegs und motiviert unaufhörlich, zu sich selbst und seinem Fetisch zu stehen. Im Folgenden seine Gedanken zu Tabus und Vorurteilen im Zusammenhang mit Fetischismus:


Warum fürchten sich viele von uns davor, den Anforderungen der Gesellschaft nicht zu entsprechen? Wer definiert überhaupt diese Anforderungen und woher kommen Vorurteile und vor allem Tabus, die wir nicht brechen wollen/sollen? Ist es ein etwaiger Ausschluss aus der uns zugehörigen sozialen Gemeinschaft, wenn wir mit gemiedenen Themen konfrontieren? Es gibt Vorurteile und Tabus, die unserem Denken schlechthin zugrunde liegen, beeinflusst durch unsere Erziehung und unser soziales Umfeld. Meistens ist es das Unbekannte bzw. Fremde, das Unbehagen auslöst und somit bewusst gemieden wird. Wenn die Auseinandersetzung der Verdrängung weichen muss, entsteht unterbewusst ein Nährboden für Ausgrenzung und Ablehnung.

Aus diesem Grund bin ich dankbar für die Möglichkeiten, die ich Anfang dieses Jahres erhalten hatte, um in den österreichischen Medien über das Thema Homosexualität und Fetischismus zu sprechen. Angefangen hatte es mit einem Close-Up Interview für den obersteirischen Sender HiWay-TV, bei dem ich sachlichen Fragen Rede und Antwort gestanden bin und das Thema Fetisch den interessierten Zusehern näher bringen durfte (mit meiner Mutter im Kopf, als wenn ich es ihr erzählen würde). Anschließend gab es zwei Berichte in Grazer Sonntagszeitungen und letztendlich eine Reportage über Fetischismus bei Servus TV, österreichweit ausgestrahlt. Jeder, der sich für unseren Lifestyle interessiert, ist damit einen Schritt näher, seine Vorurteile abzubauen und Verständnis aufzubringen. Wie viel davon verraten wird ist eine Gratwanderung. Aufklärungsarbeit zu leisten bezüglich Fetischismus und BDSM ist notwendig, Fragen zu beantworten elementar. Darüber hinaus sollen diese Neigungen jedoch für unsere Community ihren Reiz und ihre Intimität behalten.

Um sich selbst nicht den vorherrschenden Tabus und Vorurteilen zu unterwerfen, ist es notwendig, Grenzen zu überwinden – und zwar die Grenzen in unseren eigenen Köpfen. Was denken die Leute von mir, wenn ich in voller Ledermontur durch die Straßen gehe? Kann ich den Blicken standhalten? Diese Barriere verstehe ich nur allzu gut, denn für unsereins hat Leder und Fetisch einen starken sexuellen Bezug! Unsere Mitmenschen, die uns so auf der Straße sehen, haben diese Assoziation nicht in dieser direkten Weise. Je unbekannter und fremder der Anblick, desto mehr Vermeidung und Ablehnung, aber auch Angst. Je aufgeklärter und offener diese Menschen sind, desto weniger Unbehagen verspüren sie. Hier wieder eine Gratwanderung: Wie viel von mir und meinem Fetisch möchte ich überhaupt in der Öffentlichkeit preisgeben. Für viele, vor allem für die jungen Fetischisten, die einen Schutzraum benötigen, ist es angenehmer, sich erst vor Ort umzuziehen. Diese Möglichkeit bietet sich überall und wird auch gerne angenommen. Häufig wird der offene Umgang mit Fetisch offenbar als Provokation verstanden. Am Osterwochenende haben mich zwei Männer aus ihrem Auto als „Schwuchtel“ und „Arschgefickter“ beschimpft, so geschehen in Berlin an der Kreuzung Kleiststraße/Martin-Luther-Straße. Wenige, die attackiert oder beschimpft werden, können damit umgehen und in aufrechter Haltung gleichgültig vorbei- und weitergehen.

Nichtsdestotrotz – oder gerade deshalb – mein Appell an die Fetisch-Community, wieder vermehrt in Gear auszugehen, sich mit Stolz zu zeigen und sich unter Gleichgesinnte zu mischen. Was helfen die geilsten Fetischklamotten zu Hause im Schrank, wenn der Kerl abends in Jeans, Chucks und T-Shirt ausgeht. Auf Fotos in den diversen Dating-Portalen macht die Fetischmontur natürlich viel her, in der Realität aber mindestens genauso viel. Jeder von uns, der sich in seinem Fetisch zeigt, ist Teil unserer Community, gestaltet diese mit und lässt sie weiterleben. Klar kommt oft das Argument, dass sowieso nichts mehr los sei und dass man selber der Einzige oder einer von Wenigen in voller Montur ist. Genau darin liegt das Paradoxon. Wenn jeder von uns so denkt, wird das Fetischleben immer weniger werden und beschränkt sich dadurch auf große Events oder eben auf das allseits hochgelobte Berlin. Viele Leder- und Fetischbars in unserem lokalen Szenegeschehen müssen schließen oder orientieren sich um, werden beispielsweise zu Cruisingbars für jeden. Unsere Reaktion: Wir beklagen uns darüber. Aber waren wir regelmäßig dort? Haben wir unsere lokale Szene derart unterstützt und mitgestaltet, dass sie weiter bestehen kann? BLUF hatte mit seinem „12 x 12 Pledge“ im Jahr 2012 seine Mitglieder dazu aufgerufen, einmal monatlich in voller Montur auszugehen und die Bars zu besuchen. In meinen Augen war das eine grandiose Idee, die über besagtes Jahr hinaus weiterhin Gültigkeit hat. Denkt doch mal darüber nach…

Grüße euer Thorsten
Mister Leather Europe 2015