Pastor Burkhard Bornemann

Burkhard Bornemann ist der Pfarrer der Zwölf-Apostel-Kirche in Berlin-Schöneberg, seit 2016 der Veranstaltungsort der jährlichen Classic-Meets-Fetish-Konzerte zu Folsom Europe in Berlin. Hier spricht er mit Tyrone Rontganger über Wut-Emails, Lederästhetik und Fetish-Dresscode und die Zukunft vom schwulen Schöneberg.

BOX: Hallo Burkhard. Warum und wann bist du Pfarrer geworden?

Burkhard: Schon als Kind fühlte ich mich zur Kirche hingezogen. Von meinen Eltern ermutigt, besuchte ich Kindergottesdienste und hatte damals einen besten Freund, dessen Vater Pfarrer war. Ich fand es immer schön, lebendigen Kontakt mit Menschen verschiedener Altersgruppen und Hintergründe zu haben und sie zu begleiten, ihnen zuzuhören und mich mit ihnen auszutauschen. Das alles bietet dir die Kirche! Gleich nach meinem Studium, also im Jahr 1989, war ich dann soweit und wurde Pfarrer. Damals bekam ich eine Kirche in Berlin-Reinickendorf zugewiesen – eine ganz klassische vorstädtische Gemeinde mit vielen älteren Menschen und jungen Familien mit Kindern. Erst mit 50 Jahren bin ich dann zur Zwölf-Apostel-Gemeinde in Schöneberg gewechselt. Diese Gegend mit ihren vielen sozialen Schwerpunkten – unter anderem, die mit Drogengebrauchern, Trans-Menschen und einem abwechslungsreichen schwulen Nachtleben zu tun haben– passt sehr gut zu mir. Das alles finde ich nach wie vor sehr spannend und es hält mich jung!

BOX: Wie ist denn genau die Einstellung der evangelischen Kirche zu Homosexualität?

Burkhard: Am Anfang meiner Zeit als Pfarrer war die evangelische Kirche nicht so offen, wie sie es heutzutage ist, aber es hat sich im Laufe der Jahre viel verändert. Damals wäre sowas wie Classic Meets Fetish in einer Kirche gar nicht möglich gewesen. Ganz viele Menschen in verschiedenen Gemeinden haben für diese Veränderungen und Modernisierung innerhalb der evangelischen Kirche lange Zeit gekämpft. Erst mit der eingetragenen Partnerschaft und Änderungen im gesellschaftlichen Klima hat die Kirche erkannt, dass die Zeit endlich gekommen war, sich an die heutigen Gegebenheiten anzupassen. Denn es stimmt nicht, dass uns Gott wegen unseres Seins negativ beurteilt. In dem Sinne sind wir viel weiter als manch andere Religionsgemeinschaft. Ganz viele Schwule haben seitens der Kirche in ihrem Leben Ablehnung erlebt, ihnen wurde gesagt, dass sie wegen ihrer Sexualität in die Hölle kommen. Wir sagen aber, ihr seid ganz richtig, genau wie ihr seid!


BOX: Hat deine Offenheit zum Classic Meets Fetish etwas mit deiner eigenen Sexualität zu tun?

Burkhard: Naja, ich habe wegen meiner Sexualität selbst eine schwierige Geschichte hinter mir! Ich erkannte schon als Kind, dass ich Gefühle für andere Jungs hatte, aber ich wollte es damals nicht wahrhaben. Ich hatte ein sehr traditionelles Familienbild im Kopf, das ich auch durchziehen wollte und heiratete deswegen noch als junger Mann. Mit meiner Frau habe ich drei Kinder und gründete eine Familie. Erst im Alter von 32 merkte ich, dass ich dieses Bild nicht mehr länger aufrechterhalten konnte oder wollte, und wir trennten uns. Aber weil ich Angst hatte, den Kontakt zu meinen Kindern zu verlieren, blieb mein Schwulsein weiterhin jahrelang ein Geheimnis. Erst 13 Jahre später war ich dann soweit und wagte in meiner Gemeinde mein Coming-Out. Es hat mich sehr berührt, wie viel Unterstützung ich von meiner Gemeinde erhielt – sie hatte auch nichts dagegen, als ich mich das erste Mal mit meinem Freund zeigte. Das war wirklich toll!

BOX: Wann hörtest du zum ersten Mal von Classic Meets Fetish? Was ging dir dabei durch den Kopf?

Burkhard: Ehrlich gesagt, bis Classic Meets Fetish das erste Mal 2016 bei uns in der Zwölf-Apostel-Kirche stattfand, hatte ich das Konzert nicht wirklich auf meinem Radar gehabt. Ich kannte Folsom Europe jedoch bereits seit mehreren Jahren – genau wegen des Skandals, als der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit das Vorwort zu Folsom Europe verfasst hatte. Ich fand das ganz schlimm, wie er deswegen von der Boulevardpresse durch den Schlamm gezogen wurde, besonders weil ich gleichzeitig die Idee vom Folsom-Straßenfest sehr spannend fand. Damit fing ich an, mich mit der Leder- und Fetischcommunity in Schöneberg und ihrer Außergewöhnlichkeit zu befassen. Klaus, einer von den beiden Küstern hier, hat mir dann berichtet, dass du hier gerne das Konzert veranstalten würdest, und ich sagte sofort zu! Sowas ist ja aufregend, besonders weil es viele Menschen besuchen, die sonst nie eine Kirche betreten! Ich habe auch nichts gegen Leder- oder Gummikerle, die sich öfter sehr stillvoll kleiden, und ich mag die Puppys! Außerdem liebe ich klassische Musik, und die Qualität der Konzerte ist wirklich auf einem sehr hohen Niveau. Mir gefällt es auch, wenn man einfach so sein kann, wie man will, egal was man anzieht.


BOX: Hoffst du dabei vielleicht, neue Kirchengänger zu gewinnen?

Burkhard: Überhaupt nicht! Der Glaube an etwas ist immer eine sehr persönliche Sache, und ich will ihn niemandem aufzwingen oder dafür werben. Da ich bereits mit vielen aus dem Konzertpublikum persönlich gesprochen habe, weiß ich außerdem, dass die Mehrheit aus dem Ausland oder anderswo in Deutschland kommt. Mir geht es ausschließlich um die Wahrnehmung und das schöne Gefühl, gute Musik hier zu hören, denn es gefällt mir sehr, dass so viele verschiedene Menschen so unsere Gemeinde wahrnehmen und uns kennenlernen. Ich hoffe, das wird sich noch weiterentwickeln.

BOX: Teilt deine Gemeinde diese tolerante Meinung?

Burkhard: Viele Mitglieder unserer Gemeinde – männliche und weibliche – finden Classic Meets Fetish unheimlich spannend und würden es gerne 2019 wieder persönlich miterleben. Trotzdem gab es anfangs heftige Diskussionen darüber, und ich habe eine Reihe von Wut-Emails erhalten, in denen sich manche sehr vehement dagegen geäußert haben. Viele meinten, wir unterstützen dabei kranke, perverse Menschen und haben mich dabei arg beschimpft. Die meisten Mails wurden anonym abgeschickt, aber ich bin der festen Überzeugung, dass keiner unserer Gemeindemitglieder sie geschrieben haben. Ich habe alle diese Leute auf ein persönliches Gespräch eingeladen, aber natürlich hat es keiner angenommen. Sie schrieben stattdessen zurück, dass es sich nicht lohnt, mit mir darüber zu reden! In der Tat haben wir vergangenes Jahr beim Konzert Besuch aus dem kirchlichen „Was ist für mich Himmel“-Projektteam von anderswo in Deutschland gehabt. Unser Besucher, der mit Fetisch überhaupt nichts am Hut hat, hat mit vielen Leder- und Gummikerlen gesprochen, die von diesem einzigarten Event unserer Kirche richtig begeistert waren. Das hat ihn wirklich sehr positiv überrascht und auch beeindruckt.
Ich glaube nicht, dass wir uns als Gemeinde für unsere Aktivitäten rechtfertigen müssen, weder für die Classic Meets Fetish-Veranstaltung noch für die Kondome, die wir an die Prostituierten im Umfeld unserer Kirche verteilen oder für sonst etwas, was wir hier machen. Wir sind sehr stolz auf dieses Konzert und werben dafür sogar auf unserer Webseite und auf Plakaten im und um das Gemeindehaus. Classic Meets Fetish ist ein wichtiges kulturelles Ereignis, das zu unserer Kirche passt. Und es würde mich freuen, wenn das Konzert auch künftig hier stattfinden würde. Dass wir hier alle willkommen heißen, ist genau das, was die Identität unserer Gemeinde ausmacht.

BOX: Wie stehst du persönlich zum Leder- und Gummifetisch?
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urkhard: Leder erregt mich persönlich immer wieder, aber eher auf einem intellektuellen Niveau – ich finde es oft sehr stillvoll und ästhetisch. Und besonders wegen des fiesen Feedbacks der anonymen Beschwerer wollte ich es dann endlich probieren und die Erfahrung selbst machen, denn Apostel Paulus hat gesagt: „Den Griechen soll man ein Grieche sein!“ Ich wollte daher nicht nur den Raum für das Konzert anbieten, sondern endlich selbst Teil davon sein. Deshalb bin zum ersten Mal bei Mr B Berlin, dem Hauptsponsor vom Classic Meets Fetish, einkaufen gegangen. Ich fand die Erfahrung im Laden wirklich sehr schön! Die Mitarbeiter waren sehr freundlich, professionell und hilfsbereit. Ich gefiel mir schon bei der Anprobe im Spiegel. Als ich dann zum Konzert mein Lederoutfit zum ersten Mal trug, fühlte ich mich eigentlich ganz normal und gar nicht verkleidet. Es war für mich auch ein anderes Empfinden, dieses Jahr das Publikum in Leder zu begrüßen.

BOX: Wenn du an das Fetischpublikum in der Kirche denkst, was geht für dich gar nicht?

Burkhard: Das Komische dabei ist, Tyrone, dass dein Dresscode viel strenger ist als meiner es jemals wäre! Ich bin da wirklich sehr offen. Trotzdem finde ich es schon richtig, dass ihr so streng seid, denn ich vertrete mit meinen Gedanken nicht nur mich persönlich, sondern auch meine Gemeinde, und da finde ich die Intention hinter dem Outfit am wichtigsten. Wenn jemand zu Classic Meets Fetish in die Kirche kommt und sagt, „was ich jetzt anhabe, das bin ich!“, finde ich das völlig in Ordnung, aber wenn einer in die Kirche in einem Outfit kommt, nur weil er provozieren will, dann habe ich schon etwas dagegen. Es darf nicht nur darum gehen, Grenzen auszutesten! Ich bin bereit, mit jedem Besucher sein Outfit zu besprechen und finde es wichtig, dass unsere Kirche eine Begegnungsstätte für viele verschiedene Menschen ist. Aber dazu gehört natürlich auch Respekt von den Besuchern, und ich möchte nicht, dass die Kirche deswegen in den Schlagzeilen der Boulevardpresse negativ erscheint. Deswegen bin ich mit eurem strengeren Dresscode sehr zufrieden, trotz meiner persönlichen etwas lockereren Ansichten.

BOX: Du hast vorhin von Schöneberg als eine Gegend mit verschiedenen Schwerpunkten gesprochen: Wie ist es für eine Gemeinde in einer schwulen Ecke mit einem schwulen Pfarrer?

Burkhard: Für die Schwulen, die hier in Schöneberg leben, ist es fast wie ein kleines Paradies! Denn hier kann man mit seinem Freund auf der Straße unbeschwert Händchen halten und sich küssen oder zum Supermarkt in Fetisch gehen – das geht hier bei uns alles! Aber das ist gar nicht typisch, nicht mal in anderen Berliner Bezirken. Was mir hier am meisten gefällt, ist, dass das Schwulsein hier kein Identitätsmerkmal ausdrückt, wie vielleicht anderswo – hier können wir ganz bei uns selbst sein, egal wie unterschiedlich wir alle als Menschen sind. Es gibt sehr konservative Schwule, was viele Heterosexuelle gar nicht vermuten würden, aber es gibt auch schwule Punks und Rocker! Wir nehmen es schon für selbstverständlich, dass wir hier eigentlich akzeptiert werden und wegen beziehungsweise mit unserer Homosexualität kein politisches Statement abgeben müssen. Das spiegelt sich natürlich in unserer Gemeinde wider, denn es kommen auch Schwule zum Gottesdienst. Außerdem laden wir jedes Jahr zu einem Gottesdienst, um das schwul-lesbische Straßenfest zu eröffnen. Dass bei vielen kirchlichen Events auch Schwule dabei sind, ist für uns normal.

BOX: So, eine letzte Frage: Was ist deine größte Angst für Schöneberg und deine Gemeinde?

Burkhard: Ich glaube, dass wir hier in Schönberg kurz vor einer großen Gentrifizierung stehen, die homophobe Tendenzen mit sich bringen wird. Wir sehen das in unserem direkten Umfeld, wo eine Menge Eigentumswohnungen entstehen, während die Preise für Mietwohnungen immer weiter steigen. Viele, die seit Jahren in dieser Gegend wohnen, werden deswegen gezwungen, in günstigere Gegenden wegzuziehen, weil sie die Mieterhöhungen einfach nicht zahlen können.
Sogar bei den Bars sehen wir das durch die restriktiven Kontrollen der Polizei und des Ordnungsamts – sie dringen hordenweise in eine Bar ein– für viele Schwule sind das auch Schutzräume –, nur um die Stufenbreite zu messen und einen Notausgang zu prüfen. Das glaube ich nicht! Indem sie sowas machen, beschämen sie die Gäste, die dann Angst haben, die Bar wieder zu besuchen. Ich habe mittlerweile gehört, dass das in vielen Schöneberger Bars und Läden passiert ist, wie in der „Scheune“ zum Beispiel! Den Wirten und Besitzern wird jetzt Druck gemacht, seitenweise Auflagen erfüllen zu müssen, die sie sich nicht leisten können. Im Laufe der nächsten Jahre wird dies sicherlich dazu führen, dass es zu vielen Schließungen im Kiez kommt. Und genau darauf warten Investoren – leere Räume, die für noch höhere Mieten und Verkaufspreise zur Verfügung stehen werden! Dann können schicke, teure Läden und modische Leute hierherziehen, um die Gegend um die Tauentzienstraße und in Schöneberg schicker zu machen. Das, glaube ich, wird unsere aller Herausforderung in nächster Zukunft sein, aber besonders die potenziellen Schließungen werden die queere Community schwer treffen. Aber im Kampf dagegen wollen wir als Gemeinde der Zwölf-Apostel-Kirche ganz vorne stehen und uns mit anderen vernetzen. Dazu laden wir ganz Schöneberg ein, mit uns Kontakt aufzunehmen.


BOX: Vielen Dank für deine Zeit und dieses Interview. 2019 feiert das Team bei Classic Meets Fetish das 5. Jubiläum und haben viele Überraschungen für den Abend des 12. Septembers geplant! Der Kartenverkauf dieses Jahr fängt schon Ende Februar an!

Burkhard: Das ist sehr schön! Ich freue mich auch schon darauf!