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„Selbsthass & Emanzipation

Der sogenannte Selbsthass ist seit einiger Zeit in der Diskussion: Als ein Kernproblem des Wohlbefindens und der Gesundheit für LGBTI- Menschen. Hierzu erscheint akutell ein Sammelband „Selbsthass & Emanzipation – Das Andere in der heterosexuellen Normalität“.

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BOX: Hallo Patsy, du hast einen Sammelband über „Selbsthass & Emanzipation – Das Andere in der heterosexuellen Normalität“ zusammengestellt. Verschiedene Schreiber geben uns ihre Sicht auf Dinge, die wir täglich leben und die uns doch oft nicht bewusst sind. Für wen ist dieses Buch geschrieben? Wer sollte, muss es auf alle Fälle lesen?

Patsy: Ja, es sind insgesamt 17 Personen daran beteiligt, die Beiträge in Wort und Bild beigesteuert haben. Dragan Simicevic und Rahada haben eine Fotostrecke für das Buch erarbeitet. Von den Autor_innen gibt es subjektive Essays und wissenschaftliche Artikel. „Selbsthass & Emanzipation“ richtet sich vorrangig an Homosexuelle und Transmenschen.
Mit Auseinandersetzungen im Buch können aber in meinen Augen alle Menschen etwas anfangen. Selbsthass ist schließlich ein Thema, das alle betrifft und das viele auch an sich selbst schon bewusst wahrgenommen haben. Mit der Veröffentlichung ist ein Wunsch verbunden – dessen Erfüllung leider eine Utopie bleibt: Eine kollektiv stattfindende Reflexion über unser Verhalten als Andere oder Unnormale bei Anfeindungen und Normierungen der heterosexuellen Gesellschaft. Viel zu oft nämlich passen sich Lesben, Schwule und Transmenschen dem heterosexuellen Wahnsinn an.
Mit dem Buch plädiere ich dafür, dass das Andere nicht bloß zu akzeptieren ist. Sondern darüber hinaus, dass diejenigen, die selbst zu den Anderen gehören, ein Selbstbewusstsein über ihr Anderssein behaupten und auf ihrer Differenz beharren – anstatt nach dieser faden Fiktion der Normalität zu streben.

BOX: Die neuere LGBTI Bewegung fußt auf den, zumeist linken, Bewegungen der 60er- und 70er- Jahre. Als Teil dieser sprach man damals auch von „homosexueller Emanzipationsbewegung“ bzw. „sexueller Emanzipationsbewegung“. Ziel dieser Bewegungen waren nicht „Homoehe“ und „Gleichheit im Steuerrecht“. Vielmehr war die Vorstellung die Schaffung einer „neuen Gesellschaft“ mit „freien Menschen“ jenseits von Schablonen wie Homo- und Heterosexualität. Dies klingt in dem Buch wieder an. Was hat dazu geführt, dass dieser „emanzipatorische Charakter“ scheinbar verloren ging? Und ist jetzt die Zeit reif, wieder diese Frage zu stellen?

Patsy: Ich denke, dass man nie damit hätte aufhören sollen, die Frage danach zu stellen, wie sexuelle Befreiung aussehen könnte und wie sie zu erkämpfen ist. Das Problem ist für mich nicht die „Homo-Ehe“ an und für sich, sondern die Konzentration auf dieses Thema. Denn hinter der Kulisse der bürgerlichen Gleichstellung ist die alte Feindseligkeit nicht etwa abgeschafft, sondern bloß von einem schönen Schein verdeckt – der nicht Emanzipation, sondern zwanghafte Integration meint. Gegen den Hass auf Schwule wird dann beispielswiese damit entgegnet, dass wir doch auch ganz brav sind und heiraten – und folglich nicht diskriminiert werden sollten. Dass es unter uns aber die Perversen und Schrillen dennoch gibt, wird verleugnet und die Anderen stehen wieder als die „wirklich Schlimmen“ im Abseits. Das ist eine Unterwerfung und hat mit Emanzipation nichts zu tun.

BOX: Wenn wir über Selbsthass reden, dann habe ich ein Bild im Kopf von dem, was ich selbst oder die Gesellschaft für wünschenswert hält. Wenn ich mich von dieser „Norm“ emanzipieren möchte, ist das ein individueller oder ein gesellschaftlicher Prozess? Habe ich überhaupt eine Chance, gegen die Norm(en)? Welche Antworten, welchen Hinweis geben da die Schreibenden?

Patsy: Die Antworten darauf, wie man sich vom Selbsthass und letztlich dem Hass, der vom heterosexuellen Wahnsinn ausgeht, emanzipieren kann, fallen in dem Buch unterschiedlich aus. Was jedoch aus allen Beiträgen gleichermaßen zu entnehmen ist, ist das Beharren auf dem Anderssein: Ich bin davon überzeugt, dass es möglich ist, sich den widrigen Umständen nicht einfach zu unterwerfen und lustvoll unnormal zu sein. Das ist keinesfalls konfliktfrei – aber man ist damit allemal glücklicher als mit der Anpassung. Für eine echte sexuelle Befreiung bräuchte man dann eine kollektive Reflexion – nicht nur der Homosexuellen und Transmenschen. Das bleibt erst mal eine Utopie.

BOX: Was stünde für die Autoren am Ende des Prozesses? Die Anerkennung des „Anders seins“? Oder die Überwindung der Norm(en), womit ja auch das „Anders sein“ verschwinden würde?

Patsy: Das Problem ist, dass ein Teil des Möglichen im Moment leider nur Mögliches bleibt. Das heißt aber nicht, dass ich die utopische Vorstellung einer freien Gesellschaft, in der man ohne Angst verschieden sein kann, in meine Überlegungen und Handlungen integriere. Insofern kann man die heterosexuellen Normen überwinden, ist aber zunächst immer an sie gebunden – solange diese in ihrer schmerzhaft zurichtenden Variante nicht kollektiv abgeschafft sind. Das Anderssein wird auch dann nicht verschwinden und das soll es ja auch nicht. Die Einebnung aller Unterschiede scheint mir eher eine grässliche Vorstellung: fade, eintönig und grau. Das Problem ist der Hass und die Abwertung, die das jeweils Andere erfährt. Und das sollte tatsächlich zum Verschwinden gebracht werden.

BOX: Gibt es Gelegenheiten zu Lesungen und Diskussionen zum Buch?

Patsy: Ja, es sind schon einige Veranstaltungen geplant und ich wurde in mehrere Städte eingeladen. Über weitere Möglichkeiten, über das Buch und die Thesen darin zu diskutieren, freue ich mich!

Eine Übersicht zu Lesungen und Diskussionen mit Buchpräsentation zum Buch: Selbsthass und Emanzipation – Das Andere in der heterosexuellen Normalität:
03.09.2016, Münster
Westfälisches Landesmuseum, Auditorium, 18 Uhr
Buchpräsentation und Vortrag

22.09.2016, Berlin
19 Uhr, Schwules Museum*, Lützowstraße 73, 10785 Berlin
Buchpräsentation mit Manuela Kay, Fabienne du Neckar, Marco Ebert, Daria Majewski, Till Amelung und Patsy l‘Amour laLove

20.10.2016, Leipzig
RosaLinde
Buchpräsentation und Vortrag

24.10.2016, Göttingen
LesBiSchwule KULTURTAGE
Buchpräsentation und Vortrag

01.11.2016, Stuttgart
Weissenburg Zentrum, 18 Uhr
Buchpräsentation und Vortrag

02.11.2016, Tübingen
Buchpräsentation und Vortrag

15.11.2016, Mainz
Schwul