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PreP: Die Anti-HIV Pille kommt

Vom SaferSex zur PreP?

Die Diskussion um die Präexpositions-Prophylaxe (PrEP)  im Kampf gegen HIV, die „Anti-HIV-Pille“ zur Vorbeugung, nimmt immer mehr Fahrt auf. Während die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC sie empfiehlt und Frankreich sie zulassen will, bleibt sie in Deutschland den Meisten bisher verschlossen. Schon der hohe Preis dürfte eine Anwendung für die Masse hierzulande ausschließen.
Welche Auswirkungen hat die PreP auf das Verhalten und welche Änderungen wird sie mit sich bringen, darüber sprach Michael Zgonjanin für die BOX mit dem Aktivisten Kevin Moroso, der seit 9 Monaten PreP nimmt.

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BOX: Erzähle unseren Lesern doch etwas über dich. Woher kommst du? Wo lebst du? Was machst du?
Kevin Moroso: Ich bin 1980 in New Westminster, einer kleinen Stadt vor den Toren von Vancouver, geboren und dort aufgewachsen. Meine Familie war eine sehr fortschrittliche Familie. Mein Vater liebte Geschichte und europäisches Kino, so gab es einen sehr offenen Umgang mit  Sexualität. Das ist auch in Kanada eher die Ausnahme.
Nachdem ich fünf Jahre in Großbritannien gelebt hatte, kam ich 2008 wieder zurück nach Vancouver und lebe seither hier.
Ich habe Kunstgeschichte, Sexualität und Management studiert. Derzeit arbeite ich bei einer staatlichen Agentur. In meiner freien Zeit schreibe ich für eine schwule Webseite, ein HIV-Magazin und ich arbeite in einer schwulen Gesundheitsorganisation mit.

BOX: Wann hast du dein Coming Out gemacht? Wann und wo wurdest du das erste Mal mit den gesundheitlichen Herausforderungen in der GPT Community konfrontiert?
Kevin Moroso: Als ich 13 war, schloss ich mich im Badezimmer ein, starrte in den Spiegel und sagte zu mir: “Kevin du bist schwul. Du wirst aber niemals Sex mit einem Mann haben oder du wirst infolge von Aids sterben.“  In den nachfolgenden Jahren habe ich es dann einigen engen Freunden erzählt, bevor ich mit 15 mein eigentliches Coming Out hatte.
In meinem Kopf war schwuler Sex und HIV positiv sein untrennbar miteinander verbunden. Und zu Anfang der neunziger Jahre setzte ich HIV ebenso eng mit AIDS und Tod gleich. Der erste schwule Film, den ich sah, hieß: „And the band played on.“ Es war ein Film über die ersten Jahre der Epidemie.
Ich ging regelmäßig zu einer Jugendgruppe, das war der einzige Ort, wo ich Schwule in meinem Alter treffen konnte. Ab und zu gab es dort Vorträge und so lernten wir etwas über schwulen und safer Sex.
Mit den Freunden in dieser Zeit hatte ich keinen „richtigen“ Sex – weder oral noch anal. Es war mehr ein sich gegenseitig Ausziehen. Wenig überraschend war ich in dieser Zeit ständig geil. Aber der Gedanke an Analsex beängstigte mich. Es war natürlich nicht nur der Gedanke an Krankheit und Tod, es war auch der Gedanke daran, dass es schmerzhaft sein könnte.

BOX: Wie hast du dich persönlich damit auseinandergesetzt? Wie gingst du mit den Botschaften von „safer Sex“, Kondomgebrauch und Risiko Sex zu vermeiden um?
Kevin Moroso: Ich habe Partner immer auf Safer Sex angesprochen. In den meisten Fällen habe ich mich auf oralen Sex eingelassen – gelegentlich habe ich versucht, ein Bottom zu sein, das hat mir aber nicht so viel Spaß gemacht. Ich habe mehrfach versucht, ein Top zu sein, aber es machte einfach keinen Spaß. In all diesen Fällen habe ich es immer mit Kondomen versucht.
So hatte ich bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr fast ausschließlich oralen Sex. Es erschien einfach sicherer und weniger beängstigend. Danach hatte ich gelegentlich Analsex. Ich habe immer Kondome benutzt. Die einzige Ausnahme war ein guter Freund, der zu mir sagte, er könnte keine Kondome benutzen. Ich war von ihm so angetan, dass ich ihm erlaubte, mich ohne Kondom zu ficken. Und das, obwohl ich keinerlei Garantie hatte, dass ich ihm vertrauen kann. Hinterher hatte ich immer große Angst.
Hat sich dein Verhalten über die Zeit geändert? Wie hast du die Veränderungen in der Community wahrgenommen?
Bei mir hat sich mein Verhalten eher über Nacht als graduell geändert. Wie ich geschrieben habe, waren die Gelegenheiten, wo ich kein Kondom benutzt habe, sehr selten. Ich war ein „guter Junge“ für die längste Zeit meines Sex-Lebens. Dann aber änderte sich das. Es mag seltsam klingen, aber es geschah am Tag eines Begräbnisses eines bekannten Schwulenaktivisten.
Ich hatte über längere Zeit keinen Sex gehabt und ich hatte das Gefühl, dass ich meine Sexualität verdrängt hatte. Ich erzählte es einem Freund. So gingen wir nach dem Begräbnis in einige der örtlichen Bars. Er stellte mich einem Freund von ihm vor und mit ihm hat es sofort Klick gemacht. Wir sind dann zu ihm nach Hause. Wir zogen uns sofort aus, und flux waren wir in seinem Bett. Ich spuckte auf meinen Schwanz und begann ihn zu ficken. Ich kann es nicht anders beschreiben, es war der beste Sex, denn ich bis dahin in meinem Leben gehabt habe.
Ich dachte die ganze Zeit, dass diese ganzen Botschaften, dass die Benutzung eines Kondoms kaum einen Unterschied mache, eine Lüge waren. Für mich machte es einen ungeheuren Unterschied aus, vor allem weil ich es zum ersten Mal richtig genoss, der Top zu sein.
Zwei Wochen später kam er wieder zu mir nach Hause. Wir haben an diesem Tag noch dreimal miteinander gefickt. Dann erst habe ich ihn nach seinem HIV Status gefragt. Er sagte mir, dass er HIV-positiv sei, allerdings unter der Nachweisgrenze. Er hatte Angst, es mir zu sagen, denn in Kanada steht es unter Strafe, wenn ein HIV-Positiver mit einem anderen ohne Kondom Sex hat, ohne dessen HIV-Status zu kennen.Ich wusste, dass Sex mit ihm kein wirkliches Risiko darstellte. Ich versicherte ihm, dass es für mich vollkommen war.
Von da an suchte ich nur noch nach Bottoms, die bareback Sex mit mir wollten. Dafür gab es eine spezielle Webseite, aber ich hatte kein Problem, Männer zu finden, die ohne Kondom mit mir Sex haben wollten.

BOX: Du sagtest, du hattest Probleme beim Sex mit Kondomen? Was macht für dich so einen großen Unterschied, mit oder ohne Kondom Sex zu haben? Es gibt ja auch viele andere Dinge, die Spaß machen und einen gewissen Aufwand und bewusstes Herangehen erfordern?
Kevin Moroso: Ich liebe es zu ficken! Total! Es gibt viele Dinge, die Spaß machen: Horrorfilme, Videospiele, andere Dinge. Aber Sex macht mir mehr Spaß. Für mich ist es der natürlichste Weg, psychisch und physisch Spaß zu haben. Die Natur hat uns die besten Spielzeuge gegeben – unsere Körper.
Wie ich sagte, wenn ich ein Kondom beim Ficken benutze, dann fühle ich einfach nichts. Für mich fühlt es sich an wie die Benutzung eines rein mechanischen Dildos. Auch seit  ich bare ficke, hat es natürlich immer wieder Begegnungen gegeben, wo ein hübscher Kerl mich fragte, ein Kondom zu benutzen. In all diesen Fällen hat es für mich nicht funktioniert.
Es mag sein, dass die Psychologie des Sex hier eine besondere Rolle spielt. Vor allem seit ich ohne Kondom physischen Spaß habe, hat es sicher auch meine Sicht auf den Sex verändert.
Da ist die Spontanität, ja! Es fühlt sich intimer an, wenn du weißt, dass dein Fleisch tief in jemanden steckt ohne dass eine synthetische Barriere dazwischen ist.
Es fühlt sich auch besser an, andere nicht als potenzielle Gefahr zu empfinden – HIV lässt ja viele einander so behandeln, als wenn sie eine biologische Gefahr wären. Sex in der Art, wie die Arbeit in einem Labor mit gefährlichen Viren. Das hasse ich.
Und dann ist da für mich Sperma. Sperma ist wichtig. Es enthält alles, was wir sind. Sperma auszutauschen ist, ein Teil von uns einander zu geben. Ich bin zumeist Top, aber selbst wenn ich gelegentlich Bottom bin, empfinde ich einen Unterschied zwischen mit Kondom und ohne Kondom. Es fühlt sich für mich toll an, wenn ich weiß, dass ein Teil des anderen in mir ist.

BOX:  Wann hast du angefangen mit PRep? Ist es Teil eines Programms, woran du teilnimmst?
Kevin Moroso: Nachdem ich angefangen hatte, vorwiegend Sex ohne Kondom zu haben, habe ich mich vorwiegend online nach Möglichkeiten umgesehen, das Risiko von Ansteckungen zu mindern.
Eine Methode für mich war, Männer zu daten, die eine Viruslast unter der Nachweisgrenze haben. Aber es sind ja meistens Kerle, die denken sie wären negativ, die sich aber gerade angesteckt haben, die dann andere anstecken. Dann las ich, dass ich, da ich Top bin, ein geringeres Risiko habe. Zusätzlich bin ich beschnitten, was das Risiko weiter reduziert.
Und ich fand Informationen über Truvada als PreP. Und verlässliche Quellen wie das US Center of Disease Control (Gesundheitsbehörde der USA), die WHO (Weltgesundheitsorganisation) und andere, die die Vorbeugung mit PreP unterstützen. Allerdings fand ich nichts von örtlichen Gesundheitsorganisationen bzw. Schwulenorganisationen darüber. Ich las auch, dass es sehr schwierig ist, in Kanada PreP zu erhalten und dass die Versicherungen es nicht bezahlen würden.
Ich ging daraufhin zu meinem Arzt und sprach mit ihm. Es ist ein heterosexueller Arzt hier bei mir vor Ort. Ich ging zu ihm mit einem ganzen Ordner voller Informationen über PreP.  Er fragte mich, weshalb ich mit all den Informationen gekommen wäre. Und ich sagte ihm, ich möchte eine Pille haben, die eine Ansteckung mit HIV verhindert. Er war erstaunt und fragte mich, warum ich befürchte, dass ich mich mit HIV anstecken könnte. Ich sagte ihm, ich habe Sex mit vielen Männern. Es war das erste Mal, dass ich mit ihm über meinen Sex in dieser Art redete.
Erst jetzt nahm er meinen Stapel an Dokumenten. Ich sagte ihm, es befinden sich dort Vorschläge des CDC und anderer Organisationen. Dann sagte er, er wollte es sich sorgfältig durchlesen und sich weiter informieren. Ich solle in zwei Wochen wiederkommen. Nie hat er mein sexuelles Verhalten infrage gestellt.
Er ermöglichte es mir, nach ausführlichen Tests, meine Versicherung dahingehend zu überzeugen, die Kosten der Vorbeugung zu übernehmen.  An dem Tag, an dem man mir sagte, dass die Versicherung die immer noch großen Kosten übernehmen werde, war ich so aufgeregt wie seit vielen Jahren nicht mehr.
Ich bin sehr glücklich, dass mein Arbeitgeber und meine Versicherung die Kosten übernehmen. Dies ist für die meisten Menschen in Kanada derzeit noch nicht möglich.
Ich engagiere mich jetzt besonders dafür, dass diese Vorsorgemöglichkeit für alle möglich wird. Alle schwulen Männer sollten die Möglichkeit haben, PreP zu nutzen.
Ich nahm meine erste Pille am 14. Februar, am Valentinstag.  Seither hat PreP es mir ermöglicht, mein Leben viel freier und offener und ohne Angst zu führen.

BOX: Danke für das Gespräch.