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Mr. Bear Germany 2015: Jens

Im November 2014, beim Bear Pride in Köln , gewann der 50-jährige Jens aus Bitterfeld die Wahl zum Mr. Bear Germany 2015. Er ist der erste Titelträger, der aus einem ostdeutschen Bundesland kommt. BOX sprach mit ihm über die Wahl und ihn selbt.

BOX: Eine Grundfrage – die zu deiner Person:
Jens: Ich bin 50 Jahre alt, bin in Wolfen (Nachbarort) geboren und wohne in Bitterfeld, (in der Nähe von Halle und Leipzig). Mein erlernter Beruf ist Feinmechaniker. Ich habe aber nochmal später die Schulbank gedrückt und bin umgesattelt und dann mein Hobby zum Beruf gemacht, denn seit 1992 arbeite ich beim DRK und bin dort als Rettungsassistent bzw. Lehrrettungsassistent tätig. Seit 8 Jahren bin ich mit Jens  verpartnert.  …. Ja mein Mann heißt auch Jens
Tja und nun bin ich seit letztem Freitag der Mr. Bear Germany 2015 … ferner bin ich auch Mitglied in der Gruppe Schwule Väter Halle bzw. Deutschland und stehe gern mit Rat und Tat für andere bereit, die in ähnlichen Situationen leben wie ich damals gelebt habe. Es war nicht leicht, mein Leben um 180 Grad zu drehen, als ich mich geoutet habe. Habe sehr viele Freunde verloren, aber auch sehr viele neue Freunde dazugewonnen.

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BOX: Jens, wie und wann hast du denn dein Coming Out gemacht? Und wie bist du zur „Bärenszene“ gekommen?
Jens: Ich habe meinen jetzigen Mann 2002 über das Internet kennengelernt. Nein, es war keine schwule Kontaktbörse. Dass es so etwas gab, wusste ich zu dem damaligen Zeitpunkt ja noch nicht mal. 🙂 Es hat eine Weile innerhalb des Chats gedauert, bis ich mich ihm zu erkennen gab, dass ich zwar mit einer Frau verheiratet bin und Kinder hab, aber eben auch Empfindungen für Männer, welche ich immer versucht habe zu unterdrücken. Vielleicht war man damals so naiv, dass man sich sagte:  „Ach das wird sich schon irgendwie verwachsen, wenn man Familie hat.“  In meiner Jugendzeit konnte ich ja mit niemanden über mein inneres ICH sprechen. Aber es verwächst sich nun mal nicht und der Drang zu Männern war eben da, obwohl ich damals natürlich auch meine Frau sehr lieb hatte. Und meine Kinder (26, 16) aus meinem „alten Leben“ liebe ich natürlich auch über alles.  Na jedenfalls flog alles auf bei mir. Es gab sehr viele Tränen auf beiden Seiten und es führte zu meinem Coming Out.
Nein, ich habe meinen Schritt nicht bereut und gebe offen zu,  wenn ich damals in meiner Jugend das Wissen von heute gehabt hätte, dann hätte ich sicher so manches anders gemacht. Aber ich habe es  nie bereut, Kinder zu haben und bin mächtig stolz auf sie. Mich hat seit vielen Jahren ein Spruch begleitet: „Jeder Mensch hat nur EIN Leben, deshalb sollte jeder Mensch SEIN Leben so leben, wie er es leben möchte.“ Mein Männe ist dann 2003 von Bielefeld (NRW) zu mir nach Bitterfeld gezogen.
Da ich schon immer eine Vorliebe für Bartträger hatte und Kerle mit Körperbehaarung sehr attraktiv finde, bin ich natürlich zur Bärenszene gekommen, obwohl ich auch sehr zaghaft in die Szene eingestiegen bin. Habe dann lieber versucht,  privat Leute kennenzulernen. Über Freunde und Bekannte .  Das war mir lieber als durch irgendwelche Darkrooms zu ziehen.  Es war ja doch alles neu für mich und vielleicht hat auch die Angst eine Rolle gespielt dabei. Ich habe mich auch sehr wohlgefühlt bei den Veranstaltungen, die Baerenstolz in Leipzig gestartet hat.
Tja, selber hab ich ja leider nur sehr wenige Haare auf der Brust, aber man kann sich nun mal nicht anders machen, als die Natur einem gegeben hat.  Aber dafür habe ich ein großes Bärenherz.

BOX: Du lebst ja an Orten, die wenig mit „Szene“ verbunden werden. Wie lebt es sich dort? Braucht es denn überhaupt Szene?
Jens: Ja, Bitterfeld ist eine kleine Stadt. Mit den angrenzenden eingemeindeten Orten haben wir glaube ca. 40.000 Einwohner.  Aber wir verstecken uns nicht. Wir leben in einem großen Neubaublock. Vielleicht dachten anfangs die Nachbarn, dass wir nur als Wohngemeinschaft dort leben, aber als wir 2006 in Bitterfeld unsere Partnerschaft auf dem Standesamt haben eintragen lassen und wir dann mit Bild in der Mitteldeutschen Zeitung waren, spätestens ab da wussten es alle, dass wir als Paar zusammenleben. Schwierigkeiten haben wir deshalb nie gehabt. Auch bekommt mein Mann auf der Straße einen Kuss, wenn wir uns verabschieden oder begrüßen, genauso wie das auch Mann und Frau machen. … ob dann hinter vorgehaltener Hand geredet wird, das weiß ich nicht. Alle Menschen sind noch nicht so weit.
Es hat ja auch ne Weile gedauert, bis meine Familie damit klar kam, aber dafür habe ich vollstes Verständnis gehabt. Es ist für alle nicht einfach gewesen, diese neue Situation zu akzeptieren, denn es war auch für mich schwer. wenn man mich fragte, wie es denn nun so ist, als Schwuler zu leben, dann habe ich immer gesagt: „Heh, was hat sich denn geändert bei mir? Ich bin derselbe Jens geblieben wie vorher, mit allen guten und schlechten Eigenschaften, nur dass ich eben abends mit einem Mann ins Bett gehe und nicht mit einer Frau. Mich interessiert doch auch nicht dein Sexualleben und genauso braucht dich das auch nicht zu interessieren. Sieh mich weiter als Mensch, als den Jens, den es schon vorher gab“ …

BOX: Was hat dich bewogen, an einer Wahl zum Mr. Bear teilzunehmen?
Eigentlich ist die ganze Sache aus Spaß entstanden. Ich habe Anfang Oktober auf der homepage von bearscologne geschaut, ob denn schon neue Kandidaten für die Bärenwahl vorgestellt werden. Da das nicht der Fall war, hab ich zu meinem Männe gesagt: „ Mensch Jens, das Wetter ist klasse, es ist ein sonniger Herbsttag.  Komm wir gehen zum Bitterfelder Bogen und machen ein Bewerbungsvideo.“
In einer guten Stunde hatten wir das Filmmaterial im „Kasten“ und ich habe mich dann zuhause drangesetzt alles zusammenzuschneiden, weil ich die sogenannten outtakes aber am Witzigsten fand, hab ich die gleich mit dran gesetzt, denn da hat man am besten meine natürliche Art gesehen, wie ich nun mal eben bin.  Dass ich nun mit dem Video Erfolg haben würde, nach Köln eingeladen zu werden, damit hatte ich damals nie gerechnet. Umso mehr freue ich mich aber im Nachhinein, dass es geklappt hat.

BOX:  Wie hast du die Tage in Köln erlebt?
Jens: Es waren so viele schöne Eindrücke. Es sind Momente entstanden, die mich ein ganzes Leben begleiten werden und das, was ich im Inneren gefühlt habe, das kann mir keiner nehmen. Ich habe mich sehr wohl gefühlt in  Köln. War ja erst das dritte Mal dort gewesen und habe auch vorher noch nie die bearpride in Köln erlebt. An dieser Stelle nochmal ein Riesen-Dankeschön an alle von bearscologne, an das gesamte Orgateam, an alle Sponsoren. Danke auch nochmal für die vielen Gutscheine und die finanzielle Beihilfe. Natürlich auch an meinen Jens ein dickes Dankeschön, denn er stand und steht immer hinter mir und stärkt mir den Rücken. Habe  immer wieder gezweifelt, ob alles richtig ist, mich dort zu bewerben. Vielleicht war es die Angst zu versagen, vielleicht weil das auch alles neu für mich war. Ich bin ein Mensch, für den es keine halben Sachen gibt.
Manche sagen, ich will immer alles zu perfekt machen. Naja von meinem Auftritt im Gloria war ich im Nachhinein selber nicht ganz so begeistert. Von „singen“ konnte man echt nicht sprechen bei mir. Aber vielleicht hat das Publikum erkannt, dass es auf den Text ankam, ich habe das Lied „Unsterblich“ von der Gruppe Unheilig dargeboten. Der Text spricht mir total aus der Seele und ich habe damit versucht, meine Gefühle gegenüber Jens rüberzubringen.  Bin nicht die sogenannte Rampensau und auf der Bühne zu stehen und vor vielen anderen zu singen ist nicht leicht, da spielt die Aufregung eine riesen Rolle Auch möcht ich Danke sagen  an meine Mitkandidaten Didier und Rudi, denn wir haben uns immer gegenseitig Mut gemacht während der Veranstaltung.

BOX: Wie gedenkst du deine Funktion als Mr. Bear wahrzunehmen? Wie siehst du überhaupt die Rolle der Schärpenträger?
Jens: Konkrete Pläne gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Ich bin aber gern bereit, verschiedenste Kampagnen zu unterstützen, hinter denen ich auch persönlich zu 100% stehe. Ich lasse mich nicht verbiegen und möchte nicht als Aushängeschild für etwas da stehen, was ich selber nicht akzeptieren würde. Ansonsten werde ich aber mit Stolz und Würde diese Schärpe tragen. Die Bedeutung und Verantwortung ist mir bewusst. Sicherlich kann auch mir mal ein Fehler passieren, dafür sind wir alle Menschen, aber ich werde mein Bestes geben und will natürlich bodenständig bleiben. Klar, richtig begreifen kann ich das immer noch nicht. Ich werde mein Amtsjahr als „Mr. Bear Germany 2015“ mit Herz und Verstand und der Kraft der Segnung durch die Schwestern vom Orden der Perpetuellen Indulgenz führen. Das verspreche ich.

BOX: Jens, du bist auch Vater. Was halten denn deine Kinder von deinem Titel? Sprichst du mit ihnen auch über die „Szene“?
Jens: *grins* … na man sollte den Titel nun nicht überbewerten, denn für meine Kids bleibe ich der Papa, egal ob nun mit oder ohne Schärpe. Sie haben mein Bewerbungsvideo für die Mr. Bear Wahl auch auf facebook gesehen, aber dass es am Ende nun wirklich geklappt hat, da haben weder ich noch sie dran geglaubt.  Selbstverständlich haben sie mir auch gratuliert und meine Tochter wollte mich auch gleich etwas aufziehen und witzelte rum: „Papa, bekomm ich nun ein Autogramm?“  …  Das Gesprächsthema „Szene“ steht eigentlich nicht im Vordergrund, wenn wir uns sehen. Es wird aber auch nicht tabuisiert.  Wenn sie Fragen haben, dann sprechen wir darüber.  Wir gehen da ganz offen miteinander um.

BOX: Aus deiner Erfahrung, wie gewinnt man in der Familie und in der Umgebung Akzeptanz?
Jens: Das ist nicht ganz so leicht zu beantworten.  Wie ich schon bereits erwähnt habe, hat es auch bei mir eine Weile gedauert, bis es Familie, Freunde und Arbeitskollegen akzeptiert haben, dass ich nun mein restliches Leben „schwul leben“ will. Aber was heißt das eigentlich: „schwul leben“ … eigentlich ist es ein ganz normales Leben, wie ich es auch vorher gelebt habe. Ein ganz normales Leben wie es auch Mann und Frau leben  … Wir gehen arbeiten, wir kümmern uns um die häuslichen Dinge, wir unternehmen etwas in der Freizeit, man liebt sich, man streitet und verträgt sich wieder, man hat Hobbys,  man schläft und so weiter …  Es gibt keinen Unterschied zu einer Partnerschaft, wie sie sonst zwischen Mann und Frau besteht.  Aber das muss dem persönlichen Umfeld erst bewusst werden und das braucht eben Zeit.  … Wichtige Schritte waren da für mich, dass ich mich nicht mehr verstellen musste und mich nicht mehr versteckt habe und auch hier offen drüber gesprochen habe, wenn es mal wieder einer ganz genau wissen will, wie das so ist zwischen Mann und Mann. ..:-)
Eine Frage die ich aber dennoch immer gehasst habe, ist folgende: „Wer ist denn nun bei euch Mann und wer ist die Frau?“ .. .. dann habe ich mit einer Gegenfrage geantwortet: „Na wer hat denn bei euch zuhause die Hosen an? Du oder deine Frau?“  … dann war das Thema vom Tisch  … . 🙂

BOX: Bei welchem Event wird man dich als nächstes treffen können?
Jens: Pläne habe ich viele, Anfragen sind auch schon eine Menge da. Nur muss ich eben auch gleich vorneweg sagen, dass ich nun nicht an allen Events teilnehmen kann, da möchte mir auch bitte keiner böse sein.  Denn dann wäre es ein Fulltimejob.  Auch ich habe Familie und Beruf und das steht auch bei mir, wie bei jedem anderen auch, im Vordergrund.  Feste Termine, wo wir auf alle Fälle sein werden, sind Köln und Berlin zu verschiedenen Veranstaltungen.  Natürlich versuchen wir auch bei den CSDs in Halle und Leipzig dabei zu sein. …. und der Rest richtet sich ein bisschen nach meinem Dienstplan.

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