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Juni 2017: Benimmregeln wären oft hilfreich

In unserer Kolumne schreibt Thorsten, Mr. Leather Europe 2015, über Erfahrungen und Begebenheiten der europäischen Leder- und Fetisch-Community. Für Personen des öffentlichen Lebens ist Socializing, gutes Benehmen und gewandtes Auftreten grundlegend. Das gilt nicht nur für Mister, sondern für uns alle im Umgang mit anderen. In unserer Community wäre ein Knigge, also Benimmregeln, ab und zu recht hilfreich:

In den USA entstand ab dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Old Guard Bewegung, die innerhalb der Lederszene klare Strukturen und Rollenverständnisse definiert. In deren Verhaltenscodex wird eine strikte Rollenfestlegung zwischen dominanten und unterwürfigen Partnern und formaler Umgang sowie betont männliches Verhalten untereinander geregelt. Werte wie Disziplin, Respekt, Brüderlichkeit und Ehre sind bei Old Guard maßgeblich. Hierbei unterscheidet man zwischen drei unterschiedlichen Protokollen: Zum einen das Social Protocol, das in der Öffentlichkeit Anwendung findet. Es wird nur unterschwellig die D/s (Dominant/submissive) Beziehung ausgelebt, um zwar im Alltag ein gewisses Level von Disziplin zu wahren, ohne jedoch auffällig zu werden. Offensichtlicher wird es zum anderen beim Low Protocol, bei dem der unterwürfige Partner jederzeit zu Diensten bereit ist und dies durch seine Worte und Gesten kundtut. Das High Protocol tritt bei offiziellen Lederveranstaltungen in Kraft und wird bei der Sprache, der Körperhaltung und den Gesten erkennbar. Der Zweck des unterwürfigen Partners nach High Protocol ist es, dem Dominanten jederzeit zu Diensten zu sein. Dieses mehrstufige System ist dazu gedacht, um Führung und Struktur zwischen mindestens zwei Partnern zu regeln, damit jeder Beteiligte weiß, was von ihm erwartet wird. Old Guard Lebensstil sowie der dazugehörige Verhaltenskodex wurden in den 1980ern und 1990ern, unter anderem auch aufgrund deren Abgeschlossenheit, als zu starr und altmodisch eingestuft. Als Gegenbewegung entwickelte sich die New Guard bzw. New Leather, die viel offenere Strukturen toleriert und ein breiteres Spektrum an Verhaltensweisen und Rollenverteilungen akzeptiert. Trotz der Kritik sowie der heute vorherrschenden New Leather Bewegung sind die Werte der Old Guard nach wie vor ausschlaggebend.

Der Grundsatz von BDSM, bewusst zu handeln, gilt genauso für den allgemeinen Umgang mit unseren Mitmenschen. In der Kommunikation ist es wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, wer mein Gegenüber ist und welche Wortwahl in der jeweiligen Situation angemessen ist. Soll man sich in unsicheren Situationen dem Verhalten der Mehrheit anpassen oder doch so agieren, wie man es gelernt oder vorgelebt bekommen hat? Grundsätzliche Umgangsformen sind unter anderem höflich, ehrlich, charmant und selbstbewusst aufzutreten und weder aufdringlich noch rücksichtslos zu sein. Blickkontakt und Interesse für sein Gegenüber sind Türöffner für ein gutes Miteinander. Eine laute Person, egal ob beim Sprechen oder beim Lachen, wird entweder als arrogant oder unsicher eingestuft. Im Laufe der Zeit und mit zunehmender Erfahrung habe ich gelernt zu beobachten und zu schweigen, es sei denn jemand handelt respektlos und verstößt gegen die guten Sitten. Das Verhalten eines anderen Menschen öffentlich zu bewerten und abwertende Bemerkungen kundzutun ist für mich tabu. Diese Regeln mögen altmodisch klingen, haben aber in jeder Situation des Alltags ihre Berechtigung, egal ob beim Kennenlernen, beim Abendessen mit Freunden oder beim Cruisen in der Bar.
Technische Möglichkeiten haben unsere Kommunikation miteinander in einem gewissen Umfang erleichtert, doch das gute Benehmen darf darunter nicht leiden. Egal, welcher Username hinter einer Person steht, ganz anonym ist man trotzdem nicht. In den sozialen Medien wird es zunehmend unüblich, sich ein zweites Ich zu geben und mit falschem Namen zu posten oder gar anonym zu provozieren. Mit der Message ist es wie mit dem gesprochenen Wort, was geschickt oder gepostet wurde, ist gesagt und kann in den meisten Fällen nicht zurückgenommen werden, denn das Internet vergisst nichts. Die Macht des Wortes und dessen Konsequenzen werden oft unterschätzt. Durch ein Wort, einen Satz oder eine Reaktion kann ein negativer Eindruck vermittelt werden, der nicht mehr abgelegt werden kann, sondern sich stattdessen sogar wie ein Lauffeuer verbreitet. Die Grenzen des Verletzenden und Beleidigenden sind in der digitalen Welt deutlich heruntergesetzt, da man dem Gegenüber die Worte nicht direkt ins Gesicht sagt und Behauptungen oftmals nicht mit den Tatsachen übereinstimmen. Deswegen gilt auch online Ehrlichkeit und gutes Benehmen.

Benimmregeln für Dresscode in unserer Leder- und Fetischszene sollten eigentlich nicht notwendig sein, denn bei den meisten Events wird der Dresscode auf der Einladung explizit beschrieben. Die Realität zeigt leider ein anderes Bild. Wer nicht im geforderten Dresscode erscheint, erweist sich nicht nur respektlos gegenüber dem Gastgeber, der sich bei dem Dresscode ja etwas gedacht hat, sondern auch denen gegenüber, die sich daran halten. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, als Gast dem Wunsch meines Gastgebers nachzukommen. Kann ich dem gewünschten Dresscode nicht Folge leisten, sage ich meine Teilnahme ab.

Respekt gegenüber Anderen und Akzeptanz ist besonders in unserer Community wesentlich, in der Vielfältigkeit gelebt wird. Der gesunde Menschenverstand sagt, dass wir unsere Mitmenschen immer so behandeln sollen, wie wir selbst behandelt werden möchten. Oder um es mit den Worten Aristoteles auszudrücken: „Unser Charakter ergibt sich aus unserem Benehmen.“