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Joe King – Mr. Leather Europe

Als Joe King am 19. März in London den Titel „Mr. Leather UK 2016“ gewann, ist er zum Leather King des Vereinigten Königreichs gekrönt worden. Fünf Monate später hat er dazu die Wahl „Mr. Leather Europe 2016“ in Helsinki gewonnen und ist somit vom König zum Kaiser aufgestiegen. Hier im Interview mit Tyrone Rontganger erklärt er unter anderem die Vorzüge von gebrauchtem Leder, warum man einem Fetischverein beitreten soll und seine Liebe für Europa.

BOX: Hi Joe. Was hat dich überhaupt an Leder angezogen?
Joe: Hi Tyrone. Naja, ich habe es damals noch nicht richtig einordnen können, aber schon als Kind fand ich Leder geil. Ich bin sehr geruchsempfindlich und daher hat Leder immer eine Reaktion in mir ausgelöst. Als Teenager habe ich dann erkannt, dass diese Reaktion etwas Sexuelles war und dann fand ich es nur noch geiler! Ein Motorradfreund meines Vaters war öfters in seiner Lederkombi bei uns zu Besuch und der wurde mir natürlich zu einem geheimen Wichsvorbild! Leider war es mir aber lange Zeit noch viel zu teuer und ich konnte mir einfach nichts Ledriges leisten. In der Zeit habe ich mit Gummi experimentiert, bis ich mir dann endlich ein Ledergeschirr kaufen konnte. Das hat mein Leben geändert! Der Geruch von Leder treibt mich immer noch heute in den sexuellen Wahnsinn, aber jetzt schätze ich auch sehr, wie es einen Mann – mich eingeschlossen – noch männlicher macht. Für mich hat Leder eine sehr männliche Energie und betont die geile Figur eines Mannes.

BOX: So, du hast dir damals eines Tages ein Ledergeschirr gekauft und bist dann sofort in die Szene losgezogen?
Joe: Nein, nach dem Geschirr holte ich mir auch einen Jock *lacht*. Leder ist ein sehr teurer Fetisch, was es für viele – besonders junge Männer – unerschwinglich macht. Genau deswegen finde ich Snobismus in der Community entsetzlich! Es gibt viele in unserer Community, die nur Wert auf die teuersten Sachen legen und sich darin feiern lassen. Es gibt aber auch Viele, die einfach nicht über derartige finanzielle Mittel verfügen und der Eine blickt manchmal versnobt auf den Anderen herab! Das ist für mich keine Community! Ich finde, wer nur wenig Geld hat und sich nur eine Kleinigkeit – ein Geschirr, zum Beispiel – leisten kann, gehört trotzdem auch dazu! Mit der Zeit baute ich meinen Lederkleiderschrank Schritt für Schritt immer weiter aus, bis ich dann endlich nach ein paar Jahren den Mut hatte,  das offene Vereinsmeeting bei den “Manchester Leathermen” zu besuchen. Bis dahin war ich immer nur alleine in Manchester und London unterwegs gewesen. Ich hatte zwar viel Spaß gehabt und viele neue Typen kennen gelernt, aber erst als ich Mitglied im Verein wurde, stellte ich genau fest, was mir bis dahin gefehlt hatte.

BOX: Kannst du denn unseren Lesern Tipps geben, wo und wie sie an günstige Ledersachen kommen?
Joe: Das hängt sehr vom Wohnort ab. Viele Ledervereine veranstalten Ledermärkte, wo man gebrauchte Sachen zu günstigen Preisen finden kann. Es gibt in den Vereinen auch öfters Mitglieder, die vielleicht Fetischläden besitzen und bei ihnen bekommt man dann Sonderpreise. Andere Mitglieder verkaufen ihre gebrauchten Sachen privat. Natürlich kann man auch auf Ebay Manches finden, aber da ist es mit der Anprobe und Passform etwas problematisch. Das Gute aber an gebrauchten Sachen ist, dass sie schon eingetragen sind und daher meistens viel bequemer als brandneue Klamotten. Bei second-hand Sachen kann man ein paar gute Kernstücke für wenig Geld kaufen. Bis der Lederkleiderschrank dann voll und gut ausgestattet ist, braucht man aber Zeit. Ich denke aber, man wird nie damit fertig und bleibt das Leben lang auf der Suche nach neuen Sachen!

BOX: Du sprichst immer wieder vom Vereinsleben: Gibt es dann auch andere Vorteile, einem Fetischverein beizutreten?
Joe: Klar! An erster Stelle sind es die Freundschaften, die man in den Vereinen findet. Unterwegs in den Bars ist es viel schwieriger, persönliche Kontakte zu machen. Ich weiß genau, dass wenn ich morgen wirklich in Not geriete, gibt es mindestens fünf Typen bei uns im Verein, die mir jederzeit und bedingungslos zur Seite stünden. Und natürlich auch andersrum! Vereine sind außerdem oft untereinander verlinkt, auch international wie im ECMC zum Beispiel, und dadurch erfährt man früher von den Events und Partys und bekommt als Vereinsmitglied auch mal reduzierte Eintrittskarten. Mein Verein ist für mich eine Art Ersatzfamilie und ich bin sehr glücklich, ein Teil davon zu sein. Den Vereinen bedeutet unsere Community etwas – die Szene für sich interessiert meistens nur fürs Geschäft.

BOX: Waren es diese Vereinskumpels, die dich zur Wahl Mr. Leather UK ermutigt haben?
Joe: Ich war früher in einer sehr negativen, schmähenden Beziehung, bis ich meinen jetzigen Partner kennen lernte. Mein Expartner hatte mich seelisch zerstört und ich hatte keinen Selbstwert mehr! Ein Freund von mir dachte, ich wäre trotzdem der Richtige für den Titel Mr. Leather UK und unterstütze mich bei der Bewerbung. Ich hatte im Geheimen schon von dem Titel geträumt, aber wirklich nie gedacht, dass ich die Wahl gewinnen könnte! Es ist schon schwierig, die persönlichen Grenzen, Ängste und Hürden zu überwinden,  damit man bei so was mitmachen kann, aber meine Lederfamilie hat an mich geglaubt. Ohne sie hätte ich nie die Kraft dafür gehabt. Man sieht sich immer anders als die Leute um dich herum!

BOX: Als du Mr. Leather UK wurdest, war die britische Ledercommunity in einen internen Vereinskrieg verwickelt. Was konntest du da persönlich verbessern?
Joe: Leider tobt dieser Vereinskrieg heute noch weiter! Ich habe bisher versucht, mich da nicht einzumischen und für die ganze Ledercommunity Großbritanniens eine unvoreingenommene Galionsfigur zu sein, aber es ist unheimlich schwierig, dabei unparteiisch zu bleiben. Mit seinen Handlungen hat ein Newcomer-Verein eine Menge Turbulenzen in die ganze Ledercommunity hineingebracht. Was sie dabei machen, ist gegen alles, wofür wir stehen und was ich persönlich als Ledermann für richtig halte. Die Community leidet richtig darunter, was ich auch für falsch halte. Nach 40 Jahren Miteinander auf unsrer Lederinsel ist es für uns alle hier eine brandneue Erfahrung, uns ständig auseinandersetzen zu müssen – wir könnten stattdessen alle so viel Gutes tun! Ich werde weiterhin Lösungen suchen und Brücken bauen, damit es hoffentlich bald ein Ende hat.

BOX: Welcher Titel – Mr. Leather UK oder Mr. Leather Europe – bedeutet dir am Meisten?
Joe: Oh, Tyrone, du stellst schwierige Fragen! Ich könnte mich nicht zwischen den beiden entscheiden, denn alle zwei bedeuten mir sehr viel. Für beide Communitys trage ich jetzt auch eine Verantwortung. Der europäische Titel deckt natürlich auch das UK mit ein, was für mich seit dem Brexit-Referendum eine viel größere Bedeutung hat. Ich bin in dem Jahr geboren, als Großbritannien damals EU-Mitglied wurde und ich beschreibe mich selber als Europäer. Ich liebe meine europäische Lederfamilie; was sie erreicht hat, ihre Warmherzigkeit und auch die schönen europäischen Städte, in denen sie überall lebt – das alles macht mich auf dem MLE-Titel sehr stolz. Und für mich gehört Großbritannien nach wie vor dazu.

BOX: Was willst du in deinem Titeljahr noch erreichen?
Joe: Den Weltfrieden! *lacht* Naja, mindestens in Großbritannien! Es liegt mir am Herzen, die Verbindungen unter den verschiedenen Fetischen zu verbessern sowohl als auch für die Vielfältigkeit innerhalb der Fetischcommunity zu kämpfen.  Ich sehe in Leder echt stereotypisch aus, aber das ist eigentlich eine reine Glückssache – es ist nicht mit Absicht und auch völlig gut so! Trotzdem bin ich strikt dagegen, dass wir andere ausschließen, nur weil sie anders aussehen und nicht unbedingt in unser Idealbild passen. Das heißt nicht, dass Frauen jetzt in die Männerclubs rein dürfen sollten, und auch nicht, dass wir uns vor unserem Aussehen schämen sollten, sondern ganz einfach, dass wir offen für Neues bleiben müssen. Wir sollen mehr Kontakte mit Anderen knüpfen , unsere Schranken und Vorurteile abbauen und Minderheiten in unserer Community helfen, damit sie mit uns zusammen wachsen. Wir werden dann gemeinsam stärker.

BOX: Danke, Joe. Hast du vielleicht eine persönliche Botschaft für die Lea-ther Community in Deutschland?
Joe: Ich wünsche mir, dass ich deutsch sprechen könnte, aber leider verstehe ich echt nur Bahnhof! Daher, Tyrone, mein großer Dank für die Übersetzung! Ich finde Deutschland wunderschön, und ich liebe die Kultur und natürlich auch das Essen! Die Deutschen sind unglaublich offen, großzügig und fortschrittlich und es macht mir immer wieder Spaß, Deutschland zu besuchen. Ihr habt echt die besten Partys! Also, bitte macht weiter und hört nicht auf, so eine tolle Community zu sein! Ihr seid die Besten!