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Januar 2017: Lederszene

In seiner Kolumne schreibt Thorsten, Mr. Leather Europe 2015, über Erfahrungen und Begebenheiten der europäischen Leder- und Fetisch-Community. Die Lederszene hat innerhalb der schwulen Subkultur eine eigenständige Kultur geschaffen, in der sich Lederliebhaber ungestört und nach eigenen Regeln bewegen können, ohne anderen Einblick zu gewähren. Thorsten erklärt uns, was es mit Leder eigentlich genau auf sich hat:

Leder – dieses Wort ruft wohl gerade im schwulen Kontext mehr Assoziationen hervor, als dies bei den restlichen Menschen der Fall sein mag. Lederfetisch bedeutet eine sexuell-erotische Affinität zum Material Leder, ist weit verbreitet und sehr beliebt. Selbst auf zahlreiche Außenstehende versprüht Leder eine gewisse Faszination. Leder steht für harte Kerle mit Muskeln und Bärten, für dunkle Bars mit noch dunkleren Nebenräumen. Leder wird mit Fetisch, Lust, Schweiß und Rauch in Verbindung gebracht und macht dieses unglaubliche Geräusch, wenn „Mann“ sich darin bewegt. Viele finden den Geruch, den Geschmack und das Gefühl von Leder erotisch, tragen es daher selbst auf der Haut und sehen es gerne an Anderen. Für einen Lederfetischisten werden Gegenstände aus diesem Material zu Lustobjekten, sei es in Form von Bekleidung, Stiefeln, Riemen, Gurten, Kappen oder bequemer, von der Decke baumelnden Liegen.

Die Lederszene hat äußerlich viel gemein mit Motorradfahrern, die sich ebenfalls männlich geben und wegen des besonders starken Schutzmaterials Leder tragen. Eine weitere Gruppe, die das Lederideal des harten, aber attraktiven Mannes erfüllt, sind die Cowboys. Diese Assoziationen sind Schubladendenken und dank unserer bunten Community kann der Lederfetischismus sehr vielfältig sein. Ich erinnere mich noch genau an das irrsinnig erregende Gefühl beim Tragen meiner ersten Lederjeans – einen Moment, den ein Lederfetischist vermutlich nicht mehr vergisst. Dieses Gefühl verstärkt sich noch mehr mit zunehmenden Erfahrungen und auch Ausweitung der Fetischausstattung.

Die gegerbte Haut von Tieren ist sicher eines der ältesten Materialien, mit dem sich der Mensch gegen die Unbilden der Witterung zu schützen pflegte und ist schon seit jeher seine zweite bzw. dritte Haut. Insofern hat Leder etwas Urwüchsiges an sich, auf das es uns Lederkerlen wohl in erster Linie ankommt. In unserem Alltag steht die Verwendung von Leder in der Wohnkultur, aber auch in der Innenausstattung von Autos oder im Bereich der Kleidung für Qualität und Komfort. Die Besonderheit des Materials Leder liegt in seiner stillvoll-edlen Ausstrahlung, seinem subtil-erotischen Touch und dem speziellen Gefühl auf der Haut.

Der Lederfetisch kann sehr kostspielig sein, da die Herstellung und Verarbeitung von Leder sehr aufwändig ist. Ich kann meinen Fetisch mit meinen Beruf verbinden, denn seit zehn Jahren arbeite ich in der Entwicklungsabteilung einer der weltweit größten Gerbereien für Automobilleder. Der Werdegang einer Tierhaut, die frisch vom Schlachthof angeliefert wird, mit Blut und Dung behangen, ist faszinierend. Schritt für Schritt wird aus einem reinen Abfallprodukt ein exklusives Material. Man darf nicht vergessen, dass kein Tier des Leders wegen geschlachtet wird, sondern weil wir in Europa jährlich rund 65 kg Fleisch pro Kopf verzehren. Der derzeitige Vegan-Trend macht auch vor der Lederbranche nicht Halt und manche unserer Kunden sind auf der Suche nach veganen Alternativen für Leder. Allerdings sehe ich nicht wirklich einen von uns Lederfetischisten, der zukünftig mit Ananasfaserhosen in Clubs und zu Dates erscheinen wird.

Etwa 15 Arbeitsschritte sind notwendig, um eine Tierhaut zu Leder zu verarbeiten. Das Ziel der Gerbung ist die beständige Stabilisierung der fäulnisanfälligen Hautsubstanz durch dauerhafte Veränderung der Proteinstruktur. Je nach Endprodukt können in der Nachgerbung die Eigenschaften der Leder definiert werden, um beispielsweise ein extra geschmeidiges oder aber kompaktes Material zu produzieren. Leder ist nicht gleich Leder. Das Natürlichste ist Anilinleder ohne jegliche Veredelung auf der Oberfläche. Da diese Lederart aber auch am empfindlichsten ist, werden Farbpigmente und Lacke auf das Leder aufgetragen, um es vor äußeren Einflüssen und vor Verschleiß zu schützen. Je mehr dieser so genannten Zurichtung auf Leder aufgebracht wird, desto geringer wird das natürliche Erscheinungsbild. Grundsätzlich ist Naturleder glatt oder weist eine ganz feine Hautstruktur auf, ähnlich unserer Menschenhaut. Ist das Leder mit einer groben und regelmäßigen Struktur versehen, wurde es künstlich geprägt, um Naturmerkmale auf der Haut, z.B. Narben, Insektenstiche oder Adern, zu kaschieren. Geprägtes Leder ist deutlich günstiger als glattes Leder. Dadurch sind die verschiedenen Preise von Lederbekleidung gerechtfertigt, die von Hersteller zu Hersteller variieren.

Dank dieser Preisdifferenzen ist es auch für Fetisch-Anfänger erschwinglich, sich seine erste Lederjeans zu kaufen und dieses eingangs von mir beschriebene Gefühl zu erleben. Erst kürzlich habe ich die Nachricht erhalten: „Hab heute meine erste Lederhose gekauft. Ich verstehe jetzt, was du damit gemeint hast, Leder zu tragen fühlt sich geil an.“ Für Newcomer begrüße ich auch die Initiative vieler Vereine und Veranstaltungen, Leder-Flohmärkte abzuhalten. Auf diese Weise kann man zum einen gebrauchte Leder-Gear sinnvoll loswerden und zum anderen haben jüngere Fetischisten die Möglichkeit, ihr Outfit zu erweitern. Und wir alle sollten jede sich bietende Möglichkeit nutzen, Interessierte in die „Lederwelt“ einzuführen. Es geht schließlich um unseren Nachwuchs…

P.S. in eigener Sache: Sowohl die BOX in der Kategorie Media of the Year als auch ich in der Kategorie Man of the Year wurden für den X-Award 2017 nominiert. Unter www.x-awards.com könnt ihr für uns stimmen. Danke!