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Axe Leito – Mr. Leather Netherlands 2019

Axe Leito war noch bis zum 25. Oktober 2019 Mr. Leather Netherlands 2019. Hier spricht er mit Tyrone Rontganger über Freikarten für die Titelträgergemeinschaft, die Kleidergrößen seines Partners und kulturelle Vielfältigkeit in der Fetischcommunity.

BOX: Hi Axe. Wie hat dir Folsom Europe in Berlin gefallen?
Axe: Ich hatte wirklich ein tolles Wochenende in Berlin zur Folsom, auch wenn ich als Titelträger viele Termine wahrnehmen musste und wirklich eine Menge zu tun hatte. Ich hatte früher als sogenannter „Normalsterblicher“ keine Ahnung, wieviel man von den Titelträgern erwartet, wenn sie die großen Events besuchen. Aber neben Darklands in Antwerpen ist Folsom Europe mein Lieblingsfetischevent Europas und ich habe es alles gerne gemacht.

BOX: Wir hatten dieses Jahr zur Folsom Europe mehr Titelträger in Berlin als je zuvor: Ca. 40, die sich offiziell angemeldet haben und dadurch diverse Freikarten erhielten. Eine derartige große Anzahl jedoch bringt jedes Event an der Grenze seiner Kapazitäten. Wozu, glaubst du, braucht die Community so viele Titelträger und was dürfen sie alles bei den Events umsonst erwarten?
Axe: Es gibt schon viele Kritik an den Titelträgern, die man überall gesagt bekommt. Die Vereinten Nationen aber kritisiert man nicht, wenn sie für eine Konferenz vielleicht nicht genügend Sitzplätze haben. Wenn wir inklusiv sein wollen, dann dürfen wir anderen nicht erzählen, wen oder wie viele sie sich als Repräsentanten wählen können oder nicht. Außerdem brauchen die größeren Länder, wie Frankreich und Deutschland zum Beispiel, allein wegen der regionalen Vielfalt mehrere Vertreter. Das finde ich eigentlich ganz gut, weil wir sonst wahrscheinlich nur Titelträger aus den Hauptstädten hätten.
Was man den Titelträgern alles umsonst schenken muss? Das ist wirklich eine sehr schwierige Frage! Man darf jedoch nicht vergessen, dass das Titeljahr sehr teuer sein kann: Um die Events besuchen zu können, muss man die An- und Abreisen, Übernachtungen und sonst alles bezahlen. Das sind Kosten, die man sonst nicht unbedingt hätte. Daher glaube ich schon, dass die besuchenden Titelträger mindestens eine Freikarte zum Hauptevent bekommen sollen. Aber auch da müssen sich die Veranstalter Gedanken machen, ob sie unbedingt die Titelträger dabeihaben wollen, ob sie das Event vielleicht in manchen Fällen einen Mehrwert bringen könnten. Auch hier aber ist die Schärpe keine Krone und der Titelträger kein König.

BOX: Was, meinst du, ist denn ein Titelträger überhaupt?
Axe: Ich denke, ein Titelträger verleiht seiner Community ein persönliches Gesicht. Daher war es mir vom Anfang an sehr wichtig, mich meinen Landsleuten zu zeigen, denn als Fetischmann gehöre ich auch dazu. Die Sichtbarkeit hilft anderen und motiviert sie, sich so anzuziehen, wie es ihnen passt und gefällt. Die Schärpe gibt einem Titelträger auch etwas Aufmerksamkeit, die ihm wiederum erlaubt, andere zu unterstützen. In meinem persönlichen Fall zum Beispiel, hätte ich ohne die Schärpe vielleicht nie die Gelegenheit bekommen, LGBT-Rechte mit dem Gesandten meines Geburtsorts, Curaçao, zu diskutieren. Als Mr. Leather Netherlands jedoch musste ich nur an seine Tür klopfen und schon hatte ich einen Termin! Ohne den Titel hätte mich sicherlich keiner eingeladen, einen Kranz an unserem nationalen Volkstrauertag für die Toten niederzulegen. Ich musste nicht mal die Blumen zahlen! Ohne die Schärpe hätte sich dort jeder bestimmt nur gefragt, „Wer ist denn dieser Kerl überhaupt?“!

BOX: Warum wolltest du Mr. Leather Netherlands werden?
Axe: Ganz einfach, weil ich Chancen überall sehe! Es war mir schon längst aufgefallen, dass man bei den internationalen Fetischevents immer wieder dieselben Typen sieht und ich wollte etwas daran ändern und andere dazu ermutigen, auch daran teilzunehmen und mitzumachen. Ich hatte auch viele Ideen, die ich für unsere Community unbedingt realisieren wollte. Außerdem wollte ich die Verbundenheit unter den verschiedenen Fetischgruppen etwas verstärken. Ich habe öfters das Gefühl, dass wir nebeneinander statt miteinander leben. Natürlich war mein Ziel auch, die Sichtbarkeit unserer Community zu verbessern. Ich dachte, mit einem Mr.-Titel hast du einfach mehr Möglichkeiten, derartige Ideen in die Welt zu bringen und andere Leute darauf aufmerksam zu machen.

BOX: Du hast Mitte-Oktober an der Wahl zum Mr. Leather Europe 2020 in Rom teilgenommen. Was für eine Erfahrung war das für dich?
Axe: Ja, ich war dabei. Es war auch eine unvergessliche Erfahrung, obwohl ich den Titel nicht gewinnen konnte. Ich gratuliere Stevio, dem Gewinner, denn er verdient den Titel wirklich. Ich werde beim International Leather 2020 auch dabei sein und wieder mein Bestes geben, um die niederländische Leathercommunity stolz zu machen. Ich habe von ganz vielen gehört, dass es eine Erfahrung ist, die man nicht mehr so einfach toppen kann. Ich freue mich schon mega darauf!

BOX: Wie bist du überhaupt zum Fetisch gekommen?
Axe: Also, mit 18 Jahren arbeitete ich hinter der Theke in einer Bar in Den Haag, „The Boss“. Es war mein erster Job und auch das erste Mal, dass ich in Kontakt mit Fetischkerlen kam. Danach gingen viele Jahre vorbei, wo ich gar nichts mehr mit Fetisch am Hut hatte, aber irgendwie bröselte es bei mir immer wieder im Hinterkopf. Mit der Zeit fing ich dann an, abends auf verschiedene Partys zu gehen und manche von den hatten auch strikte Dresscodes, wie zum Beispiel „Wasteland“ in Amsterdam. Das war auch mein Lieblingsevent und ich habe mir mit meinem Outfit dafür immer viel Mühe gemacht. Aber dann sah ich eines Tages ein Bild vom Tom of Finland und es ließ mich einfach nicht mehr los. Ich wollte unbedingt auch so sein und sammelte danach immer mehr Lederklamotten. Dann lernte ich vor ein paar Jahren meinen Freund, Robin, kennen. Er ist auch ein Lederkerl, was mich natürlich noch mehr inspiriert. Wir haben beide außerdem das Glück, dass wir die gleichen Körpermaße haben und können unsere Sachen miteinander teilen. Jetzt habe ich daher einen sehr ausgedehnten Fetischschrank!

BOX: Was davon trägst du am liebsten?
Axe: Oh, eine ganze Menge sogar! Ich trage gleichermaßen sehr gern meine Stiefel und meine Handschuhe. Sie wurden mir sogar geschenkt. Es mag wie ein Klischee klingen, aber ich liebe das autoritäre Gefühl und Aussehen, das mir Leder verleiht.

BOX: Ich habe gehört, du hast eine wichtige Rolle bei der Gründung des Titels „Ms. Leather Netherlands“ gespielt. Stimmt das und wie bist du dazu gekommen?
Axe: Während meiner Titelwahl hat mich ein Jurymitglied gefragt, was ich von einem nationalen Frauen-Fetisch-Titel hielt. Bis dahin hatte ich nicht mal darüber nachgedacht, aber die Frage hat mich etwas geplagt. Kurz danach habe ich dann auf Facebook eine kleine Stimmungsumfrage darüber gemacht. Ich wollte einfach lesen, wie Andere darüber denken. Viele Reaktionen waren extrem negativ oder schlicht abweisend, aber es gab auch eine Menge sehr positive und sogar überwältigende Antworten. Du kannst dir sicherlich schon vorstellen, dass die positiven Reaktionen überwiegend von Frauen kamen, wobei die schwulen Männer sich vehement dagegenstellten. Ich war dabei zum Teil echt entsetzt! Es gibt so viele Fetischschwule, die sich immer wieder beschweren, wie schwer es ihnen die Gesellschaft macht, aber sie machen gern genau dasselbe, wenn es um andere – um Fetischfrauen – geht. Diese Heuchelei und Vernunftwidrigkeit haben mich sehr genervt. Ich dachte mir, warum dürfen Frauen nicht Teil unserer Community sein, wenn sie auch Fetisch tragen, denn sie teilen mit uns unsere Leidenschaft.
Man muss nur bei Folsom Europe, zum Beispiel, etwas herumgucken, und schon sieht man ganz viele Frauen in Leder und Gummi. Also, ich fing an, Leute zu finden, die mit mir diese Wahl organisieren wollten und bin dabei auf ein paar echt starke Frauen gestoßen, die richtig dahinter waren. Am 12. Mai 2019 – zufälligerweise am Muttertag – wurde dann die erste Ms. Leather Netherlands gewählt, Suzanne van der Laar. Sie ist eine tolle Botschafterin für die niederländische Ledercommunity und ich bin sehr stolz auf sie. In der Tat ist sie die einzige Frau in Europa mit einem Fetischtitel. Ende Oktober im Zuge des Leatherprides Amsterdam werden wir unsere neuen Mr. und Ms. Leather Netherlands 2020 wählen. Außerdem kommt Januar 2020 hoffentlich auch die erste Ms. Latex Netherlands.

BOX: Also, du willst unsere Community etwas erweitern! Warum glaubst du, es gibt kaum Menschen mit anderen Hautfarben bei uns in der Community?
Axe: Es geht mir nicht in erster Linie darum, unsere Community für alle auszudehnen, sondern eher darum, niemanden daraus auszuschließen.
Aber, ja, du hast Recht: Es ist mir schon sehr wichtig, dass wir andere Menschen in unsere Community nicht nur einladen, sondern auch akzeptieren. Wie ich vorhin gesagt habe, mit welchem Recht dürfen wir von Anderen Toleranz verlangen, wenn wir selbst nicht bereit sind, sie Anderen zu zeigen. Ich weiß nicht, warum es so wenige farbige Männer in der Fetischszene gibt, aber ich gehe davon aus, ohne es verallgemeinern zu wollen, dass es vielleicht etwas mit unserer eher traditionellen Erziehung und familiären Hintergründen zu tun hat. Seitdem ich den Titel innehabe, sprechen mich aber viele Männer unterschiedlichster Herkunft und Hautfarben an und sagen dankend, sie hätten es früher nie gewagt, in der Öffentlichkeit oder in den Clubs Fetischklamotten zu tragen. Das macht mich sehr stolz! Ich habe das Gefühl, dass ich mit dem Titel andere dunkelhäutige Männer ermutige, ihre eigenen Grenzen zu überwinden. Ich hoffe sehr, dass unsere Community bald etwas kulturell diverser wird. Und wir dürfen nicht vergessen, es gibt eine Menge weiße Männer, die sich auch sehr stark von dunkleren Hauttypen angezogen fühlen und dunklere Haut sehr geil finden. Aber, um wirklich kulturell divers zu sein, braucht unsere Community etwas mehr Zeit. Die jüngere Generation, die heutzutage schon in einer viel gemischteren Gesellschaft als früher aufwachsen, machen es uns aber schon vor. Ich glaube, schon in wenigen Jahren wird unsere Community wieder etwas anders aussehen.

BOX: Es mag viele Menschen geben, die auf dunklere Hauttypen stehen, aber es gibt auch eine Menge, die andere genau deswegen einfach hassen. Wie sind deine Erfahrungen hierzu?
Axe: Ganz ehrlich, seitdem ich den Titel gewann, habe ich wirklich überhaupt und gar keine Diskriminierung erlebt. Vom Anfang an war es mein Ziel, so viele Städte wie möglich in den Niederlanden zu besuchen, und – egal wo ich unterwegs war – wurde ich überall mit offenen Armen und ganz viel Liebe und Begeisterung empfangen. Auch sogar in den kleinsten Dörfern waren mir die Menschen alle so süß und freundlich gegenüber. Das hatte ich nicht unbedingt erwartet und es hat mich daher auch berührt. Aber auch in anderen europäischen Städten kann ich ehrlich sagen, dass ich noch kein Rassismus erlebt habe.

BOX: Wenn du den Titel nicht mehr hast, woran sollen sich die Menschen über dein Jahr erinnern?
Axe: Tyrone, meinen Titel gebe ich schon in circa 48 Stunden weiter! Dieses Interview wird daher bestimmt die allerletzte Handlung meines Titeljahres sein. Ich bin stolz darauf, der erste niederländische Titelträger aus den Niederländischen Antillen zu sein und auch, dass ich dort die PreP-Kampagne geführt habe. Ich habe dort außerdem den Dialog über Safer-Sex und HIV im Fernsehen eröffnet. Neben meiner Arbeit für die Ms. Leather Netherlands -Wahl möchte ich, dass sich die Community daran erinnern wird.

BOX: Vielen Dank, Axe, für das Interview. Ich möchte dir im Namen aller BOX-Leser viel Glück für deine Zukunft wünschen.
Axe: Ich bedanke mich auch für diese Gelegenheit. Ich hoffe, dass die Leathercommunity in Deutschland weiterhin keine Angst davor haben wird, sich so zu zeigen, wie sie ist – egal, was sich andere darüber denken. Tragt weiter, was euch gefällt und bleibt bitte wie ihr seid!