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Berlinale & Teddy Award

Am 19.02. gingen die 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin zu Ende. Über 1500 m² roten Teppich liefen Stars wie Maggie Gyllenhaal und Diego Luna, die in der internationalen Jury saßen, Sir Patrick Stewart, Robert Pattinson, Bruno Ganz, Richard Gere, Gillian Anderson, Geoffrey Rush, Daniel Brühl, Catherine Deneuve, Charlie Hunnam, Hugh Jackman und Conchita Wurst.

Viel Zuspruch gab es für den Gewinner des Goldenen Bären: Nach den eher politisch motivierten Siegern der letzten Jahre war diesmal „On Body and Soul“ der einhellig beste Film im offiziellen Wettbewerb. Aber auch unter den nicht-heterosexuellen Filmen aller Berlinale-Sektionen, welche seit genau 30 Jahren im Programm des Teddy Awards zusammengefasst werden, gab es stärkere Werke zu sehen. Insgesamt 37 Filme wurden dort dieses Jahr aufgelistet, darunter auch die beiden Repertoirefilme „Maurice“ von 1987 sowie „Die Jungfrauenmaschine“ der lesbischen Filmemacherin Monika Treut, die mit dem diesjährigen Spezial-Teddy geehrt wurde.

Lesbische Filme

In dieser großen Auswahl an LSBT-Filmen gab es auch ein bisschen was fürs lesbische Auge zu sehen. Im offiziellen Wettbewerb lief Sally Potters prominent besetzte und Lachsalven feuernde schwarze Komödie „The Party“, in der sich in kurzweiligen 71 Minuten mehrere Paare bei einer privaten Dinnerparty zerfetzen. Die lesbische Regisseurin Catherine Gund und ihre Kollegin Daresha Kyi lieferten mit „Chavela“ eine inspirierende Doku ab. Die lateinamerikanische lesbische Sängerin Chavela Vargas widersetzte sich früh geschlechtsspezifischen Rollenvorstellungen und hatte im hohem Alter dank Pedro Almodóvar ein international erfolgreiches Comeback. In der durchaus interessanten deutschen Dramödie „The Misandrists“ von Queer-Indie-Ikone Bruce LaBruce zieht sich eine Gruppe von Frauen in ein Landhaus zurück, um gegen Männer gerichtete Aktionen zu planen. Wirklich feministisch, wie LaBruce es ankündigte, fühlte sich der Streifen jedoch nicht an. In der Doku „Strong Island“ thematisiert die afro-amerikanische Regisseurin Yance Ford nicht ihre Homosexualität, sondern rollt den Fall ihres 1992 ermordeten Bruders und der rassistischen Nicht-Verurteilung dessen Mörders auf. Die beiden lesbischen Filme „My Gay Sister“ und „Small Talk“ wurden mit Teddy Awards ausgezeichnet (siehe unten).

Transsexuelle Filme

Aus transsexueller Sicht hatte die diesjährige Berlinale mit dem mexikanischen Drama-Doku-Experiment „Casa Roshell“ zwar einen ziemlich schwachen Film im Angebot, doch „Close-Knit“ und „A Fantastic Woman“ waren derart starke Filme, dass auch sie Teddys erhielten (siehe unten),

Schwule Filme

Wie gewohnt bot die Berlinale eine deutlich größere Auswahl an schwulen Filmen und im Durchschnitt waren diese stärker oder spannender als in den letzten Jahren. Allerdings gewann nur ein schwuler Film, „God‘s Own Country“, einen Preis, nämlich den Harvey der Männer-Leserjury. Dieser raue und facettenreiche Film wurde bereits beim Sundance als britisches „Brokeback Mountain“ gefeiert, weil es um die Annährungen eines Schafzüchters und eines rumänischen Wanderarbeiters in Yorkshire geht. Zum Glück wiederholt der schwule Regisseur Francis Lee nicht die Geschichte von Ang Lees Film. Obwohl auch die französisch-italienische Literaturverfilmung „Call Me By Your Name“ über einen Jugendlichen, der sich in den Sommerferien in einen Studenten verliebt, nichts Neuartiges erzählt, so überzeugt sie durch starke Bilder, Stimmungen und Darsteller.
Auch die beiden Highschool-Filme, der bessere „Freak Show“ aus den USA wie der etwas mauere „EMO the Musical“ aus Australien, bedienen bekannte Themen. Das Besondere an „Freak Show“ waren Bette Midlers Nebenrolle und sehr extravagante Kostüme. Der kanadische Coming-of-Age- bzw. Coming-Out-Film „Weirdos“ hingegen war überhaupt nicht so verrückt oder sonderbar, wie der Titel behauptet, sondern ein eher typischer Roadtrip in Schwarz-Weiß. Erzählerisch und formell mutiger, wenn auch nicht allzu begeisternd war Travis Mathews, der sich bereits durch „In Their Rooms“ und „I Want Your Love“ einen Namen gemacht hat. Sein Thriller-Drama „Discreet“ erzählt in gediegenem Tempo von männlichem Sex, Missbrauch, Vereinsamung und Rache.
Mathews erklärte in einem Filmgespräch, dass die US-Politik ein Beweggrund für seinen Film war, doch dies spiegelt sich im Film nicht wider. Deutlich politischer ist hingegen Raoul Pecks herausragende und deswegen Oscar-nominierte US-Doku „I Am Not Your Negro“. Darin verbindet er den Kampf von Malcolm X und Martin Luther King Jr. gegen afro-amerikanische Diskriminierung mit der aktuellen Situation. Erzählt wird der Film mit einem Text des schwulen Autors James Baldwin, der mit Malcolm und Martin befreundet war, dessen Homosexualität aber nicht thematisiert wird. Ebenfalls im Berlinale-Fokus Ermächtigung der schwarzen Geschichte lief die internationale Koproduktion „The Wound“, welcher auf dem Kurzfilm „The Goat“ (Berlinale 2014) basiert. Bei diesem außergewöhnlichen Film über Männlichkeit, Homosexualität und -phobie während eines Beschneidungsrituales äußerten einige Zuschauer Bedenken, ob dies wirklich authentisch sei. Diese Zweifel sollten sich zerstreuen, wenn man erfährt, dass der weiße Johannesburger John Trengove ausschließlich Angehörige des südafrikanischen Volks der Xhosa als Darsteller engagierte.

Schwules aus Deutschland

Selbstverständlich wurden auch mehrere deutsche Werke gezeigt. Nicolas Wackerbarths Titel „Casting“ ist programmatisch. In dieser sich windenden Satire über eine Fassbinder-Neuverfilmung kann sich die Regisseurin bei der Besetzung nicht entscheiden und ein Anspielpartner manipuliert so lange, bis er eine Filmrolle ergattert. Der Babelsberger Abschlussfilm „Ein Weg“ ist eindeutiger schwul, ein realistisches Beziehungsdrama, das sich allerdings eher auf Fernsehniveau bewegt. Nicht nur sehen die beiden Darsteller wie Brüder aus, auch verändern sie sich in den 15 erzählten Jahren nicht. Deutlich stärker waren zwei deutsche Dokus. „Dream Boat“ porträtiert mehrere Menschen verschiedener Nationalitäten auf einer schwulen Kreuzfahrt. Das ist sehr ästhetisch und unterhaltsam, aber auch überraschend romantisch. Drogen und größtenteils auch Sex werden ausgeklammert, stattdessen das Hauptaugenmerk auf Körperkult und Erwartungen, den richtigen Mann zu treffen, gerichtet.
Ein Berlinale-Dauerabo hat Jochen Hick aufgrund seiner DDR- und Berlin-Themen. Diesmal präsentierte er „Mein wunderbares West-Berlin“, elches mit reichen Archivaufnahmen ausgestattet ist und mehrere Jahrzehnte abdeckt. Zuletzt kann sich das seltsame Erotik-Kunst-Sci-Fi-Irgendwas „Fluid0“ von Shu Lea Cheang zweifelhaft damit rühmen, einer der meistdiskutierten Filme im Teddy-Programm gewesen zu sein.

Teddy-Gewinner

Die Jury des 31. Teddy Awards bestand aus sieben internationalen Filmemachern. Neben Kollegen aus Dänemark/Pakistan, Finnland, Japan, Uganda, der Türkei und den USA entschied auch Box-Autor und homochrom-Gründer Martin Wolkner über die vier Filmpreise. Die beiden lesbischen Gewinner waren der schwedische Kurzfilm „My Gay Sister“ und die taiwanesische Doku „Small Talk“, in der die Regisseurin Hui-chen Huang ihre Beziehung zu ihrer introvertierten, butchen Mutter porträtiert. Aber es waren insbesondere zwei transsexuelle Spielfilme, die alle begeisterten. Der chilenische „A Fantastic Woman“ wurde nicht nur mit dem Spielfilm-Teddy, sondern auch mit einem Silbernen Bären fürs beste Drehbuch ausgezeichnet. Sebastián Lelios Werk ist stark und getragen von der herausragenden transsexuellen Hauptdarstellerin.
Im japanischen „Close-Knit“, der den Special Jury Award einheimste, erzählt Naoko Ogigami von einem Mädchen, das beim Verschwinden ihrer Mutter zu ihrem Onkel zieht, der mit einer Transsexuellen zusammenlebt. Dies ist ein sehr unterhaltsamer, liebenswerter Film, in dem die Regisseurin wunderbare Details und Bilder auf die Leinwand bringt. Alle Gewinnerfilme sind wärmstens zu empfehlen. Haltet also demnächst auf einem Queer-Filmfestival in eurer Nähe Ausschau nach ihnen.